Bővebb ismertető
VORWORTDass ich dieses Buch irgendwann schreiben würde, war mir klar seit meiner ersten Begegnung mit der russisch-sowjetischen Welt, eigentlich seit ich politisch denken konnte. Man kann über Russland im 20. Jahrhundert und über das heutige nachsowjetische Russland nicht sprechen, ohne die Zäsur zu berühren, die mit 1937 bezeichnet ist. Worum meine bisherigen Arbeiten auch immer kreisten - um Sankt Petersburg als ein Laboratorium der Moderne, um die Erfahrung des russischen Exils im Berlin zwischen den Kriegen, um die Wiedergeburt Russlands nach dem Ende der Sowjetunion -, irgendwie und irgendwann führten die Linien zwangsläufig immer an den Ort und in die Zeit eines radikalen und irreversiblen Bruchs: in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts.Ich war noch ein Schüler, als ich Anfang der 1960er Jahre Jewgeni Jew-tuschenko das Poem Stalins Erben deklamieren hörte. Darin war, auch wenn man noch nicht die ganze Geschichte kannte, etwas Drohendes, Düsteres, Unklares angesprochen, das nie mehr wiederkehren durfte, ein Verhängnis, das über ein Land und ein Volk gekommen war. Das wiederholte sich über die Jahre, wurde zu einem Leitmotiv. In meinem späteren Bekanntenkreis in Moskau gab es niemanden, dessen Familie nicht ein Opfer zu beklagen hatte: Angehörige, die verschwunden waren, Kinder, die nicht einmal wussten, wo und wann ihre Väter erschossen, und Familien, die in jenen Jahren über die ganze Sowjetunion verstreut worden waren. Überall die Spur der Gewalt, des Unglücks, der Willkür. Und doch gab es bis zum Ende der Sowjetunion keine Denkmäler, auf denen der Toten gedacht und das kollektive Trauma öffentlich gemacht worden wäre.In Westdeutschland und Westberlin, wo ich zu studieren begann, konnte von einem Mangel an Informationen oder einer Abwesenheit des Themas nicht die Rede sein. Lange vor Alexander Solschenizyns monumentalem Versuch einer künstlerischen Bewältigung des Archipel Gulag gab es große Darstellungen - man denke nur an Alexander Weissberg-Cybulskis Bericht über seine Odyssee durch die Stalinschen Gefängnisse, an Ar-17