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Kapitel 1
Anpfiff
Es fängt an mit einem fernen, hellen Summen, einem durchdringenden Ton wie von einem Bohrer, den man auf Dauer auch dann nicht ignorieren kann, wenn man sich auf den Muzak-Schleim zu konzentrieren versucht, der unaufhörlich aus dem Radio quillt. Je dichter sich der Bohrer an den Nerv heranfrißt, desto greller und aggressiver wird sein Geräusch; rücksichtslos dringt er durch den schützenden zarten Schmelz und stößt ins Innere vor. In dem Augenblick, da sich das helle Summen zum kreischenden Crescendo steigert, die Betäubung nachläßt und es nur noch den Bohrer und den blanken Nerv auf der Welt gibt, ertönen irgendwo in der Tiefe dieses Sounds, weit hinter dem schrillen Kreischen, die vage vertrauten Gitarrenakkorde eines Drei-Griffe-Popsongs. Man ist das Opfer einer akustischen Attacke von The Jesus And Mary Chain geworden.
Einmal in jeder Dekade entsteht ein Sound, der die Grenzen der Popmusik erweitert. Im selben Maße, in dem das Popbusiness an finanziellem Gewicht gewinnt und sich in zahllose Gettos mit Kult-Appea/ aufsplittert, wird der Wirkungsbereich aller weiteren musikalischen Neuerungen eingeschränkt. Elvis Presley und die Beatles haben die Welt verändert. Die Sex Pistols haben noch England verändert. The Jesus And Mary Chain mag dereinst das Verdienst zukommen, immerhin Schottland verändert zu haben. Dennoch: Ihre Musik hat die doppelte Probe bestanden, vor die sich alle Innovatoren gestellt sehen - sie ist subversiv und kommerziell. Sich für eine dieser beiden Forderungen zu entscheiden, ist eine leichte Wahl; um beide einzulösen, braucht man Mut, Engagement und einen Funken Genie. The Jesus And Mary Chain sind die erste Rockband, die die Regeln der Avantgarde übernommen und auf die kommerzielle Popmusik angewandt hat. Ihre Waffen: Noise, ungezügelte Energie und Intelligenz. Diese drei stellen gemeinsam eine Bedrohung dar für eine herrschende Kultur, die auf blinder Zustimmung beruht.
Kapitalistische Multis beherrschen die internationale Popmusik; Marketing-Kampagnen werden in Los Angeles, New York und London konzipiert und weltweit generalstabsmäßig in die Praxis umgesetzt. Rebellion läßt sich ebenso leicht vermarkten wie jede andere Ware, vorausgesetzt, die Rebellen nehmen ihre Sache nicht allzu ernst. Der größte Triumph echter Rebellen besteht darin, sich der eigenen Mittel des Establishments zu bedienen, um dessen Fundamente zu untergraben; auf das Musikgeschäft angewendet, bedeutet es, eine der großen Schallplattenfirmen soweit zu bekommen, daß sie selbst die Zerstörung ihres künstlerischen Credos finanziert. The Jesus And Mary Chain