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VORWORT
Die Bände IV und V der „Theatergeschichte Europas" umspannen in Leistung und Wirlvung die gewahige Entwicklung des europäischen Bühnenlebens von der Aufklärung zur Romantik, damit aber das Herzstück der neueren Bühnengeschichte. Als Ouvertüre wurde das „Französische Theater zwischen Barock und Klassik" vorangestellt, weil von seinen den ganzen Kontinent durchströmenden Energien in Anverwandlung und Widerspruch viele Nationaltheater-Entstehungen der einzelnen Kultur- und Sprachräume Europas ausgehen. Diese Nationaltheater wären freilich auch ohne die andersartige Einwirkung Englands nicht so rasch und vielfarbig zustande gekommen. Die Antithese von Empirismus und Rationalismus der Denk- und Lebensformen, die im Wettkampf der englischen und französischen Kulturprägungen zu fruchtbarem Austrag kommt, bestimmt auch das Antlitz des übrigen europäischen Theaters im 18. Jahrhundert, bestimmt nicht zuletzt auch die Ansatzpositionen, von denen aus das deutsche und österreichische Theater dieses Zeitraums ihre Selbständigkeit und ihre europäische Ranghöhe gewinnen. Aber auch Italien und Spanien, die Niederlande und die skandinavischen oder die slawischen Nationen sowie Ungarn gehen bei ihren Versuchen, ein Theater mit nationalem Eigenprofil zu erringen, von dieser Antithese aus. Nichts ist lockender, als diesen Loslösungs- und Versclbständigungsvorgang zu beobachten — wobei es nirgends zu kulturellen Absperrungen, wohl aber zu freundlichen oder rivali-sierend-anspornenden Begegnungen kommt.
Da in diesem Zeitabschnitt an vielen Stellen Europas die Schauspielkunst beginnt, zur wirklichen Kunst zu werden, wurde gerade auch diesem Werdeprozeß besonderes Augenmerk zugewandt — und dies in allen Sparten, in Schauspiel, Oper und Ballett.
In allen Kapiteln wurde das Widerspiel von gegenseitigem Geben und Nehmen der Nationen, das Selbständigwerden aus Empfangenem und das Wiederschenken an andere Völker und ihre Theater anschaulich herausgearbeitet. Dabei wurde die Leistung großer Künstler, woher immer sie kamen, dort in erster Linie charakterisiert, wo sie zur Vollendung reiften, oft also in den fremden Ländern, in die sie berufen wurden.
Beim Durchforschen des europäischen Kräftespiels der theatralischen Entwicklungen stieß der Verfasser auf ein bisher im größeren Zusammenhang noch nicht behandeltes Gebiet der fruchtbaren Begegnungen: das Rokoko-Theater der deutschen Fürstenhöfe. Dort gab es jeweils in dichtem Nebeneinander und ständiger Wechselwirkung französisches Schauspiel, italienische Oper und deutsches, oft von England her beeinflußtes Wandertheater, also europäisches Theater en miniature. Das Weiterwirken dieser intensiven Berührungen und Durchdringungen ist — europäisch gesehen — nicht leicht zu