Bővebb ismertető
Vorwort
Gibt es auch in der Thomas-Mann-Literatur unterschiedliche, einander gelegentlich widersprechende Urteile über das Gesamtwerk des Dichters, so wird doch heute niemand mehr bestreiten, daß er zu den deutschen Schriftstellern unseres Jahrhunderts gehört, die durch ihr Schaffen die Weltliteratur wesentlich bereichert haben. Die einzelnen Nationalliteraturen imd -kulturen verdanken ihm wertvolle Anregungen. Viele hervorragende Persönlichkeiten standen in engem Kontakt mit ihm, orientierten sich an seinem Weltbild, an seinem Urteil über die spätbürgerliche Gesellschaft, folgten seinem Beispiel in manchen Fragen der künstlerischen Betrachtungsweise und der ethisch-menschlichen Haltung. Thomas Manns Beziehungen zu Staaten wie der Schweiz oder den Vereinigten Staaten, die dem Dichter ein Asyl boten, und zu Ländern, in denen seine Werke in Millionen-Auflagen erschienen, sind selbstverständlich intensiver und umfangreicher als zu Ungarn. Auch waren seine Kontakte zu Italien oder zu der französischen Literatiu: und Kultur sowie zu anderen unmittelbaren Nachbarn sicher von größerer Bedeutung als die zu einem ostmitteleuropäischen Volk mit einer schwer zugänglichen Sprache und bis 1945 mit einem politischen System, das für einen Ausländer wahrlich nicht anziehend sein konnte.
Trotzdem fällt bei Thomas Mann die Vielseitigkeit seiner Beziehungen zu Ungarn, sein großes Interesse für die ungarische Kultur auf. Seine zahlreichen Kontakte zu ungarischen Persönlichkeiten sind bemerkenswert. Fragt man nach den Gründen, so muß einerseits die große Aufnahmebereitschaft ungarischer Leser, vor allem bei der Intelligenz der zwanziger und dreißiger Jahre, hervorgehoben werden. Andererseits bewirkten verschiedene Faktoren, daß Thomas Manns Problemstellungen gleichzeitig auch Probleme seiner ungarischen Leser waren, so daß sich auf diese Weise ein geistiger Kontakt, ein Gedankenaustausch mit zahlreichen ungarischen Intellektuellen entwickeln konnte. Daher rückt unsere Zusammenstellung von der einfachen Dokumentierung einer üblichen Wirkungsgeschichte ab und versucht, den Einfluß auf eine ganze Reihe ungarischer Persönlichkeiten — von Georg Lukács über Karl Kerényi und György Bálint bis Attila József — zu erfassen, einen Einfluß, der in gewissem Maße auch bei einer recht breiten Schicht ungarischer Leser spürbar ist, die in einer bestimmten geistigen Atmosphäre lebend, Thomas Maim viel verdanken und sich gelegentlich durch Anregungen zu revanchieren vermochten.
Die Beziehungen zu Ungarn sind bei Thomas Marm äußerst vielseitig und müssen im einzelnen noch erforscht und geprüft werden. Nach bisherigen Bemühungen um solche Untersuchungen soll mit diesem Band zuerst einmal das Wesentlichste dieser Kontakte dokumentiert werden. In diesem Sinne legt die einleitende Studie keinen Wert auf eine vollständige Erfassung des Problemkomplexes in seinem ganzen Ausmaße. Sie weist bloß auf die wichtigsten, zum Teil bisher unerschlossenen Fakten hin und greift einige Aspekte aus diesen Beziehun-