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Vorwort
Erst rund fünfzig Jahre nach der genialen Leistung Johann Friedrich Böttgers ist das »weiße Gold« in Thüringen nacherfunden worden. Die Entwicklung war hier aufgrund der natürlichen Gegebenheiten jedoch so rasant, daß Thüringen bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den Ländern mit einer gewichtigen Porzellanproduktion gehörte. Die Erzeugnisse der mehr als ein Dutzend Por-zellanmanufakturen, die sich infolge der Neuartigkeit ihres Angebots und ihrer Orientierung auf neue Käuferkreise gegenüber der mächtigen Konkurrenz der renommierten höfischen Manufakturen zu behaupten vermochten, waren schon zu dieser Zeit weit über Thüringen und Deutschland hinaus bekannt und begehrt. Später, insbesondere nach der Mitte des 19. Jahrhunderts, verlor das so originelle Thüringer Porzellan an künstlerischer Bedeutung und Wertschätzung.
Mit der Rückbesinnung auch der Porzellankunst um die Jahrhundertwende setzte eine schöpferische Neubelebung und Wiederentdeckung ein.
Besonders nach dem zweiten Weltkrieg sind Altthürin-ger Porzellane für Museen und Kunstliebhaber aus aller Welt begehrte Sammelobjekte geworden, für die überaus hohe Preise gezahlt werden. Im 18. und 19. Jahrhundert galt die Sammelleidenschaft vor allem den Erzeugnissen aus höfischen Manufakturen. Während diese Porzellane als Kostbarkeiten von Generation zu Generation weitergegeben und sorgsam gehütet wurden, waren die Thüringer Service mehr für den Gebrauch bestimmt, und auch der Wert der Figuren und anderen Dekorationsstücke ist nicht selten verkannt worden. Vieles ging dadurch verloren, so daß die Altthüringer Porzellane heute auf dem in- und ausländischen Markt wahre Raritäten darstellen. Ihr besonderer Charakter, ihre Wesenszüge - Schlichtheit, Volkstümhchkeit, Ursprünglichkeit und Poesie - werden in zunehmendem Maße erkannt und geschätzt. Diese und andere Merkmale grenzen zugleich die liebenswerten Altthüringer Porzellane von den Erzeugnissen der sächsischen und schlesischen, der west- und süddeutschen Manufakturen deutlich ab.
Die reichen und guten Traditionen der Altthüringer Porzellankunst sind nicht verloren gegangen, das Erbe wird in schöpferischer Weise für die Produktiqn der Gegenwart genutzt. Nach wie vor ist die Porzellanfabrikation in Thüringen, d. h. in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl, ein wichtiger volkswirtschaftlicher Faktor. Im In- und Ausland sind die hochwertigen und stilvollen Erzeugnisse der volkseigenen Thüringer Porzellanbetriebe - Zier- wie auch Gebrauchsartikel - mehr denn je gefragt.
Seit der 1909 im E. A. Seemann-Verlag Leipzig erschienenen Monographie »Altthüringer Porzellan, Beiträge zur Porzellankunst im 18. Jahrhundert« von Richard Graul und Albrecht Kurzwelly, die noch nach sieben Jahrzehnten als das einschlägige Standardwerk gilt, ist keine umfassende Arbeit zur vorliegenden Thematik veröffentlicht worden. Es gibt lediglich eine Anzahl von Einzeluntersuchungen, Kataloge zu Sammlungen, Jubiläumsschriften der Betriebe und einige kleinere populär-wissenschaftliche Pubhkationen. Doch die wissenschaftliche Forschung ist auch auf diesem Gebiet der industriellen Formgestaltung und Produktion nicht stehen geblieben. So ist es an der Zeit, aus heutiger Sicht den künstlerischen Rang und die Spezifik dieses im allgemeinen so liebenswerten, volkstümlichen Zweigs europäischer Porzellankunst sowie dessen volkswirtschaftliche Bedeutung in einem repräsentativen Bildband darzulegen. Das Hauptaugenmerk gilt dabei den Erzeugnissen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus hat sich der Autor das Ziel gesetzt, einen zusammenfassenden und zugleich detaillierten, zeitlich weitergeführten Überblick über die Geschichte der Porzellanherstellung inThüringen zu geben und alles Wesentliche über Vorläufer, Nacherfinder, Gründung und Weiterentwicklung der Fabriken, bedeutende Porzelliner, Datierung und Zuordnung von Erzeugnissen zusammenzutragen.
Die abgebildeten Porzellane stammen aus etwa 30 staatlichen und privaten Sammlungen. Der größte Teil der dafür ausgewählten Stücke befindet sich auf dem Boden der Deutschen Demokratischen Republik, vor allem in den thüringischen Museen in Eisenach, Erfurt, Gera, Gotha,