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AS DEUTSCHE VOLK HAT FÜR SEINE GROSSEN MEISTER EIN TREUES GEDÄCHTNIS. Ihm stehen heute vor der unübersehbaren Welt der Gotik zwei Männer im Vordergrund, der Baumeister Erwin von Steinbach und der Bildschnitzer Tilman Riemenschneider, derenNamen unvergeßlich scheinen. Keineswegs ist diese Treue abhängig vom Umfang ihrer Werke, vielmehr beruht sie auf einer tiefgefühlten seelischen Verwandtschaft, es ist so, als ob von ihnen das letzte Geheimnis ihrer Zeit offenbar würde, ein Geheimnis, das gar nicht mit Worten ausgedrückt werden könne und doch sofort zu verstehen und allen Dankes wert sei. Und obgleich man gewiß weiß, daß andere Baumeister der Gotik viel mehr und Größeres bauten als der Meister von Straßburg und daß der ältere Bildhauer, Nikolaus Gerhaert, vorwärtsdringender und daß der jüngere Veit Stoß beherzter, oft hinreißender schuf, sieht man diese Vorliebe nicht als ein Unrecht an. Wie sehr sie aber Tilman Riemenschneider gegenüber berechtigt ist, liegt in seiner besonderen Sprache, die in jedem Werk zu uns dringt, wenn auch meist nur als ein unüberhörbares Flüstern. Riemenschneider spricht zum Abschluß der Gotik noch einmal für eine ganze Epoche. Und dies geschieht in einer Schlichtheit, in einer Unbeirrbarkeit sondergleichen, seine Art, seine Überzeugung von künstlerischer Gestaltung in jedem neuen Werk gleichermaßen deutlich machend. Nach ihm war es nicht mehr möglich, in dieser Sprache zu sprechen, ohne sich zu wiederholen. Eine neue Zeit, die Renaissance, brach an.Tilman Riemenschneider ist um das Jahr 1460 geboren, eher früher als später. Wo Tilman Riemenschneider geboren ist, ob in Osterode am Harz oder in Heiligenstadt, ist nicht zu entscheiden. Zweifellos scheint, daß der Vater Tilman Riemen-schneider, also gleichen Namens wie sein berühmter Sohn, im Jahre 1463 in einen Rechtsstreit mit Doktor Heyso Krauwel, Propst der St.-Martins-Kirche in Heiligenstadt, verwickelt war, daß der angesehene Nicolaus Remenschneider de Heilgenstat", bischöflicher Fiskal in Würzburg, ein Bruder des Vaters war, den dieser in verschiedenen Notlagen seines Lebens in Würzburg aufsuchte, und daß schließlich ein gewisser Franz Kyn, der die Münzstätten im braunschweigischen Gebiet aufsuchte, im Jahre 1468 bezeugte: TyleRymensnider ist möntzmeister zen Osterode und wonet doselbst." Ferner ist neuerdings bewiesen, daß der Vater im Jahre 1483 in Osterode gestorben ist und daß unser Meister im selben Jahre in die Würzburger Bürgermatrikel eingetragen wurde. Um diese Zeit verzichtete ein Tilmannus Rimen-sneider" auf eine Pfründe der Hauger Stiftskirche, die er wohl der Fürsorge seines Oheims verdankte. Wohin ihn die Jahre der Wanderschaft bis zum Winter 1483 führten, zeigen nur gewisse Abhängigkeiten seiner ersten Werke, sicher aber nach5