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VORWORT
Es gibt bei der Betrachtung der grossen Meister der Malerei zwei mögliche und berechtigte Standpunkte: Erstens die Einstellung auf die subtilsten Feinheiten der künstlerischen Handschrift, auf die mutmasslich ganz eigenhändig ausgeführten Arbeiten eines Künstlers; zweitens die Erfassung des grossen künstlerischen Erfindungsbereiches, also auch der Werke, die von dem Meister unter Beiziehung von Schülern und Werkstattgehilfen, eventuell sogar ausschliesslich von solchen nach des Meisters Entwurf oder Idee ausgeführt sind. Hierher gehören im Falle Tizians auch die Holzschnitte und Kupferstiche, die nach seinen Zeichnungen gefertigt worden sind. Es ist ohne weiteres ersichtlich, dass nur der zweite Standpunkt zur Erkenntnis des Umfanges der künstlerischen Schaffenskraft eines grossen Meisters und so auch Tizians führen kann. Niemandem wird es einfallen, etwa bei Rubens nur von den ganz eigenhändigen Werken zu sprechen. Andererseits vermögen natürlich nur diese die letzten und tiefsten Geheimnisse eines grossen Malers zu offenbaren.
Nach beiden Richtungen hin, nach der Tiefe und nach der Breite, muss das Wirken eines grossen Meisters erforscht werden, um eine möglichst richtige Vorstellung seines Wesens und seiner historischen Bedeutung zu erhalten. Das gilt für Giotto, Leonardo, Raffael, Rubens, ebenso wie auch für Tizian.
Derartige Erwägungen liegen der vorliegenden Darstellung und der Auswahl der Abbildungen zu Grunde. Es sind nicht nur ganz eigenhändige Werke abgebildet worden. Auch manche nach Ansicht des Verfassers mit Werkstattbeieiligung ausgeführte Stücke, endlich Kupferstiche und Holzschnitte sind in möglichst reicher Zahl einbezogen, soferne sie dazu beitragen, die richtige Vorstellung von dem gewaltigen Umfang der künstlerischen Schaffenskraft und Erfindungsgabe Tizians zu vermitteln. Text und Anmerkungen enthalten, was der Verfasser durch Belrachtung der Originale über den Grad der Eigenhändigkeit der einzelnen