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TIZIAN
Vor Tizians Originalen gewinnt jedermann die Erkenntnis, vor Bildern des höchsten Ranges zu stehen. Die Barockjahrhunderte haben ihm das Zeugnis des blühendsten Kolorits, der unübertroffenen Farbenkunst erteilt. Die Verwitterung dreier Jahrhunderte hat sie nicht dämpfen können, das leuchtende Blau, das zarte Krapprot, in den Lichtern ganz hell geworden, das unvergeßliche Olivgrün, die einzigartigen Goldtöne und die lebendig schimmernden Fleischfarben in dem warmen Dunkel.
Aber was Tizian doch erst zum großen Maler macht, was wir vor jedem Original als sein untrügliches Kennzeichen wiederfinden, sind seine Menschen. Wie ein neuer Prometheus hat er ein Menschengeschlecht geschaffen, das ihm gleich ist und das sein ist. Wir wollen nicht dabei verweilen, wieweit Tizians Menschen den historischen Venezianern seiner Zeit entsprechen. Der Venezianerstamm, dem Tizian angehört, ist die Blüte des blonden illyrischen Volkes zwischen Griechen und Italikern, das sich von Venedig aus ein Weltreich im Mittelmeer schuf. Tizian gibt die einprägsamen Beispiele des großgearteten Geschlechtes von Dogen und Prokuratoren, königlichen Seeleuten und fürstlichen Kaufleuten, Politikern einer weltbeherrschenden Seemacht und Patriziern strengster Auslese, deren Männern und Frauen die körperliche Anmut in der Geburt schon geschenkt worden ist.
Deren Fleisch und Blut verleiht Tizian den göttlichen Figuren der heiligen Geschichte wie der antiken Mythen. Der großzügige Umfang seiner Persönlichkeit bereichert die griechisch-römischen Fabeln durch herrliche poetische Werke ebenso wie die christliche Gotteslehre. Dort ruft er die neuentdeckte Zauberkraft der heidnisch-strahlenden Lebenslust eines ewigen Mythos des nackten Körpers und seiner Anmut auf. Hier verklärt er den nicht weniger ewigen Glauben an männlich-würdige, weiblich-schöne und an jugendlich-ideale Heilige und Gottheiten, deren Krone