Bővebb ismertető
Eckhard Jesse
Die Totalitarismusforschung im Streit der Meinungen
1. Einleitende Bemerkungen
Der nahezu wehweite Zusammenbruch kommunistischer Herrschaftssysteme stellt eine einschneidende Zäsur dar. Wer hätte es vor einem Jahrzehnt für möglich erachtet, daß ein ehemaliger Generalsekretär in seiner Abschiedsrede als Präsident der UdSSR folgendes vernichtende Urteil fällen würde? »Das totahtäre System, das unserem Land über lange Zeit die Möglichkeit geraubt hat, aufzublühen und zu gedeihen, ist vernichtet worden.«^ Was Michail Gorbatschow Ende des Jahres 1991 so ausdrückte, formulierte am gleichen Tag sein Rivale, der russische Präsident Boris Jelzin, in einer Fernsehansprache an das amerikanische Volk folgendermaßen: »Unser Land weiß Ihre Hilfe und Unterstützung für die in Gang gesetzte Wirt-schaftsreform sowie für unsere Anstrengungen zur Überwindung des totalitären Alptraums zu schätzen, den wir als Erbe mit uns herumschleppen.«^ Indem diese höchsten Repräsentanten des mächtigsten kommunistischen Herrschaftssystems dieses als totalitär brandmarkten, werteten sie den Totalitarismusbegriff, den sie früher als raffinierte Doktrin des zum Untergang verurteilten und dekadenten Westens verstanden hatten, in unerwarteter Weise auf. Ungeachtet aller Rivalität und Streitigkeiten waren sich Gorbatschow und Jelzin einig, daß die Sowjetunion vom »Joch des Totalitarismus«^ befreit worden sei.
Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus im Osten flammte der wissenschaftliche Streit um den Totalitarismus erneut auf*. Verfechter der Totalitarismusforschung sahen ihre Herrschaftstheorien als bestätigt an, während Kritiker des Totalitarismusansatzes ihnen entgegenhielten, daß auch die Totahtarismus-theorien den Untergang dieser Systeme nicht vorhergesehen hätten. Der Streit war und ist nicht frei von Rechthaberei. Als schlösse die eine Behauptung die andere aus.
Ein Fazit der zum Teil heftig geführten Diskussion über den Totalitarismus und die Tragfähigkeit der Totalitarismuskonzeption scheint geboten^. Denn nicht zuletzt ist das 20. Jahrhundert das Zeitalter des Totalitarismus und auch seiner Überwindung, zumindest was Europa betrifft. Die tektonischen Veränderungen sind unverkennbar.
Die Schwierigkeit, mit dem Totahtarismusbegriff umzugehen, wurzelt vor allem in seiner Doppelnatur: Einerseits empirisch-analytisch, andererseits normativ-wer-tend, wird er zum einen zur Analyse von Herrschaftssystemen, zum anderen zu ihrer