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ERSTER TEIL GRUND UND WESEN DER KUNST 1. Kapitel
DAS BEDÜRFNIS DES MENSCHEN NACH KUNST Der Dichter und die stets dürftige Zeit
Was ist Kunst? Seit vor fast zweieinhalbtausend Jahren die Antwort »Mimesis« erklang, hat das Fragen, Antworten, Verwerfen und Wiederfragen nicht mehr aufgehört. Ist dieses höchste aller mensdi-lidien Vermögen für sich allein ergründbar, oder muß die Lehre aller virtutes als Hintergrund entworfen werden? Aber wie strittig das Kunstverständnis zwischen Philosophen, Künstlern und Ästhetikern auch von jeher ist: die Kunst lebt — auch wenn die Theorie welkt.
Schwieriger noch die Frage: Was ist Kunst und was Blendwerk? Nach welchen Maßstäben sollen wir einteilen, aber audi urteilen, scheiden, aber auch aussdieiden? Doch wie vergänglidi die gepriesenen zeitgenössischen exempla oft waren — ein Sdiatz von Werken hat sich auf unerklärlidie Weise dem Gedäditnis und der Verehrung der Nachwelt empfohlen. Worüber in der Theorie keine Einigkeit herrscht, das beantwortet der Lauf der Zeiten nebenher und wortlos. Die Geschichte der Theorie ist nidit die Geschichte der Kunst. Wer beide im Zusammenhang sdireiben wollte, müßte den Finger vor allem in die Wunde der je zeitgenössischen Irrtümer legen.
Wenn man die Masse der Werke, der Theorien, der wortkargen nachträglichen Billigungen und der zeitgenössischen Irrtümer überblickt, ist man geneigt, die einheitliche und zugleich vielsagende Formel für die Kunst sdhlechthin als unauffindbar zu bezeidinen. Wer aus Malerei, Musik, Tanz, Baukunst und Poesie einen gemeinsamen Faktor ausklammern will, erhält entweder eine Null, die ihm das Ganze annulliert, oder ein Unendlich, dessen weitsichtige Ferne jede nahegelegene Einzelheit verwischt. Neigt man aber schon zum Verzicht auf die universale Formel, so legt sich auch der Verzicht auf die gemeinsame Formel selbst für die versdiiedenen Formen der