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DIE ENTDECKUNG DES VOLKSLIEDESJede unserer Volksweisen ist ein wahres Vorbild von höchster künstlerischer Vollkommenheit. Ich halte sie für ein Meisterwerk im kleinen ebenso wie eine Bach-Fuge oder Mozart-Sonate in der Welt der größeren Formen."Béla BartókDie Entfaltung des nationalen Gedankens, diese mächtige Geistesströmung, die in Europa am Ende des 18. Jahrhunderts einsetzte, hat auch in Ungarn ziemlich früh zur Entdeckung der nationalen Vergangenheit geführt und zur Forschung nach dem geistigen Erbe der Nation angeregt. Auch in Ungarn glaubte man den besten Teil des geistigen Erbes in den Überlieferungen des Volkes, in seiner Dichtkunst, seiner Musik und in seinen Liedern sowie auch in seinen Sitten und Gebräuchen zu finden. Viele erwarteten von der Bewußtmachung der Volksüberlieferungen eine Wiedergeburt des geistigen Lebens und ein Aufblühen der nationalen Kultur.Diese Bestrebungen begannen bereits in den Jahren um 1760 zu reifen und fanden in den folgenden Jahrzehnten immer größeren Widerhall. Der adlige Dichter György Bessenyei (1747-1811) war es, der als erster im Interesse des Aufstiegs der Nation nicht nur die Wichtigkeit der Kultur und der allseitigen Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten betonte, sondern auch auf die Bedeutung der ungarischen Sprache in der Literatur und Kultur hinwies. Gleichzeitig bot er der überlebten feudalen Kultur und auch seinem eigenen Stand die Stirn, indem er darüber klagte, daß die ungarischen Aristokraten in die Fremde gingen und gar nicht merkten, welche großen Werte im ungarischen Bauerntum verborgen seien. Miklós Révai (1750-1807), ein würdiger Mitkämpfer Bessenyeis und anderer Zeitgenossen, übersandte schon im Jahre 1782 der Zeitung Magyar Hírmondó" [Ungarische Nachrichten] einen begeisterten Aufruf und regte an, die alten Weisen und Volkslieder der Heimat, die im Volksmund lebten, zu sammeln, in erster Linie zu dem Zwecke, daß durch die Sammlungen die Eigenarten der ungarischen Sprache und die Abweichungen ihrer Mundarten erkannt wurden. Sein Aufruf blieb auch nicht ohne Erfolg.