Bővebb ismertető
Im Jahr 1977 stand ich mit einem Kamerateam des NDR in Augsburg. Ein kleiner Bericht zu Brechts Geburtstag sollte es werden. Stadtansichten, Schwenks über das Brecht-Haus, Fotos, der sprudelnde Lech - all das eben, was man gerade als Erzählform des Fernseh-Features gelernt hatte. In einer Drehpause im Hotelzimmer blätterte ich im Telefonbuch nach den Namen aus vergangenen Zeiten, die ich aus der Fachliteratur kannte. »Groß« zum Beispiel - so hieß nach ihrer Verheiratung Paula Banholzer, das junge Mädchen, das der Dichter so oft als seine Freundin Bi erwähnt hatte. Sie hatte einen Sohn, ein uneheliches Kind von Brecht, und war, wie das damals hieß, dadurch »in Schande geraten«. »Sie war eine, die fort-musste«, sagte mir eine Nachbarstochter in die Kamera. Ich wählte die Telefonnummer, und Paula Banholzer meldete sich. Ein Schreck, und das Glück. Ich hatte für mich etwas Aufregendes herausgefunden: Man kann mit der Geschichte telefonieren.
Und wirklich, sie lebten noch fast alle in Augsburg, die Schulkameraden und Freunde des jungen Brecht. Man konnte sie besuchen und ihnen die uns bewegenden Fragen stellen, die so in den Sekundärliteratur-Biblio-theken nicht gestellt und beantwortet worden waren. Hatte er Angst? War er zärtlich? Haben Sie ihn mal weinen sehen? - »Ich komm gleich nach Goethe«, hatte er zur Bi gesagt. Hatte er das selber geglaubt? Ich konnte der Bi das Tagebuch des jungen Brecht vorlesen, und sie durfte energisch widersprechen. »Bi und Bidi. Erinnerungen an den jungen Brecht« - so hieß mein erster Film über den Gegenstand, den ich studiert hatte: Literatur. Es war aber ein Dokumentarfilm geworden über das Leben mit der Literatur, über einen jungen Dichter und den Preis des Schreibens. Ich bekam Aufmerksamkeit für meine Fragen und Geschichten, ich durfte so weiterarbeiten. Das war gut, denn Filme machen lernt man vor allem durchs Filmemachen.