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Vorwort
Nichts wäre leichter als die Ausstellung Van Gogh und die Haager Schule dem programmatischen Schwerpunkt des Bank Austria Kunstforums zu motivieren, Malerei des Expressionismus zu zeigen: Egon Schiele und Oskar Kokoschka, Richard Gerstl und Herbert Boeckl, Emil Nolde und die Künstler der Brücke - all diese Maler, die ich in den letzten Jahren in Retrospektiven und Gruppenaussteüungen im Kunstforum präsentiert habe, standen für kürzere oder längere Zeit zu Beginn ihrer Karriere im Banne Vincent van Goghs. Doch nicht nur mit seiner Kunst, auch mit dem mythologischen Bild, das die Nachwelt von dem Holländer entworfen hat, sollte Van Gogh prägend fiir die Moderne werden. Denn wer, wenn nicht Vincent van Gogh, wäre der moderne Künstler schlechthin? Gewiß; Paul Cézanne sollte zu einer nicht weniger wirkungsmächtigen Gestalt avancieren als der Ahnherr aller expressiven Tendenzen in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Allein, jenen neuen Typus des leidenden Künsders repräsentiert keiner so rein wie Van Gogh. Im Leben schon, mehr noch in der Künstlerlegende, nimmt er die Figur des Geopferten an; und die desjenigen, der im Selbstopfer immer schon äußersten Widerstand leistet. Bevor sich Van Gogh in die selbstgewählte Klausur der Irrenanstalt von Saint-Rémy begibt, um damit, wie er seinem Bruder Theo gegenüber bekundet, „meinen Beruf als Irrer auf mich zu nehmen, wie Degas den seinen als Notar", erwägt er, wieder einmal, Selbstmord zu begehen: als Lösung der ihn und Theo belastenden materiellen Probleme, wie als letztmögliche Geste des Widerstands: „Selbstmord das ist der Punkt, wo wir gegen die Gesellschaft protestieren und uns verteidigen dürfen."
Der Künstler als Außenseiter, ebenso von der Gesellschaft wie von der Familie ausgegrenzt: mit dieser Pointierung von Van Goghs Schicksal trat sein Leben in einen Wettstreit mit seiner Kunst, begann die Verwechslung der Kunst Van Goghs mit dem Künsder Van Gogh. Sicher werfen manche Details aus seinem Leben ein erhellendes Licht auf sein Werk. „Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mein Milieu aufzugeben, das mich ja auch längst ausgestoßen hat." Diese Briefstelle belegt ebenso wie Van
Goghs Eigenart, nur mit dem Vornamen zu signieren, den Zusammenhang zwischen dem zur unverwechselbaren Persönlichkeit kondensierten Lebensvollzug und dem ästhetischen Ertrag. Die Signatur „Vincent" ist ein Bekenntnis des Malers zu jenem Teil des Selbst, der nichts der Familie Van Gogh, nichts der Herkunft verdankt.
Die Tragik Van Goghs, zu Lebzeiten praktisch keine Resonanz zu finden, erklärt die ikonographische Vorherrschaft von Symbolfiguren des Verlorenseins; wie ihn denn überhaupt nichts so sehr quält wie die „Folter der Vereinsamung". Nicht bloß alle seine Liebesbeziehungen scheitern, selbst seine Freundschaften sind nicht von Dauer - die singulare zu seinem Bruder Theo ausgenommen. Auch seine Versuche, Künsdergemein-schaften zu gründen, mißlingen bereits im Ansatz. Der ,w^chetyp unserer Zeit", wie Picasso das „einsame und tragische Abenteuer Van Gogh" nannte, blieb bis zum Schluß ohne Seilschaft.
Van Goghs Frühwerk ist thematisch bestimmt von seiner Solidarität zu den Bergwerksarbeitern, zu den sich bei der mühseligen Feldarbeit krümmenden Bauern und den in ihren dunklen Behausungen isoliert von der Umwelt arbeitenden Webern. „Der Mann aus dem tiefsten Abgrund, de profundis, das ist der Bergmann; der andere, der Nachdenkliche, Träumerische, fast Somnambule, das ist der Weber." Auch später, in der Provence entdeckt er die Zufluchtsorte der Einsamkeit: das Restaurant mit den verlassenen Tischen, das dämonische Nachtcaft, das triste Garnisonsbordell. An Jozef Israels Gemälde Alte Freunde -das sich heute in Philadelphia befindet - bewundert Van Gogh die konzentrierte Kontemplation: „Nichts anderes - die Dämmerung, die Stille, die Einsamkeit der beiden Alten, Mann und Hund, die Vertrautheit der beiden, das Nachdenken dieses alten Mannes " Angesichts dieses Meisterwerks der Haager Schule fühlt sich Van Gogh an Longfellows Vers erinnert: „But the thoughts of youth are long, long thoughts."
Nachdem Van Gogh im belgischen Kohlerevier des Borinage als Prediger gescheitert ist, und auch seine Liebe zur Prostituierten Sien ohne Zukunft bleibt, widmet er sich ab nun ausschließ-