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ERSTES BUCH
DIE VERSETZUNG
Als er mit Packen fertig war, wischte er sich den Staub von den Händen und ging hinaus auf die Veranda des dritten Stocks der Kaserne, ein sauber und etwas schmächtig wirkender junger Mann in seiner Sommeruniform, die noch die Frische des frühen Morgens an sich hatte.
Er legte seine Ellenbogen auf das Geländer und schaute durch die Fliegenfenster auf die ihm so bekannte Szene des Kasernenhofes unter ihm, umgeben von den dreistöckigen Gebäuden mit ihren dunklen Umgängen vor den hellen Betonwänden. Wie sehr er an dem guten Posten hing, den er aufgab, wurde ihm jetzt erst klar.
Unter ihm keuchte das Viereck des Kasernenhofes unter den Schlägen der Februarsonne, schutzlos, wie ein erschöpfter Boxer. Durch das Flimmern der Hitze und den feinen spätmorgendlichen Dunst des ausgetrockneten roten Stau-bes drang das gedämpfte Gewirr von Geräuschen herauf: das Scheppern von stahlbereiften Karren, das Schlappen geölter Gewehrriemen, der schlürfende Takt verbrannter Schuhsohlen, die heiseren Flüche gereizter Unteroffiziere.
Irgendwann im Laufe deines Lebens sind diese Dinge zu deinem Besitz geworden. Mit jedem Ton, den du hörst, wirst du selbst gesteigert. Und du kannst sie nicht verleugnen, ohne mit ihnen den Zweck deiner eigenen Existenz zu leugnen. Trotzdem, so sagte er sich selbst, negierst du sie dadurch, daß du den Posten aufgibst, den man dir gegeben hat.
Auf dem ungepflasterten Platz in der Mitte des Quadrats quälte sich eine Maschinengewehrkompanie gelangweilt durch die Übungen des Ladedrills.
Hinter ihm in dem hohen Räume hing wie ein wehender Vorhang das gedämpfte Geräusch, das entsteht, wenn Männer gerade erwachen und anfangen sich zu bewegen. Er lauschte auf diese Töne, hörte auch Schritte näher kommen, während er daran dachte, wie angenehm es für ihn als Mitglied des Musikzugs gewesen war, jeden Morgen lange schlafen zu können und sich erst von den Geräuschen der draußen exerzierenden Kompanie wecken zu lassen.
»Du hast doch meine guten Schuhe nicht eingepackt?« fragte er die Schritte. »Die bekommen so leicht Kratzer.«
»Beide Paare stehen auf dem Bett«, sagte die Stimme hinter ihm. »Zusammen mit den sauberen Uniformen, die du nicht zerdrückt haben wolltest. Deine Feldstiefel habe ich im zweiten Sack verstaut.«
»Das ist dann wohl alles, glaube ich«, sagte der junge Mann. Er richtete sich auf und seufzte, wie man seufzt, wenn eine seelische Spannung nachläßt. »Gehen wir essen«, sagte er. »Ich hab noch eine Stunde Zeit, ehe ich mich bei der 6. Kompanie melden muß.«
»Ich denk noch immer, du machst einen schweren Fehler«, sagte der Mann hinter ihm.
»Ja, ich weiß, du hast's mir gesagt. Zwei Wochen lang täglich. Du verstehst das einfach nicht, Red.«
»Vielleicht nicht«, sagte der andere. »Ich bin kein Gefühlsexperte. Aber eins
weiß ich. Ich bin ein guter Hornist und bin stolz darauf. Aber an dich reiche ich nicht ran. Du bist der beste Hornist im Regiment. Vielleicht der beste in den Schofield-Kasernen überhaupt.«
Der junge Mann stimmte gedankenvoll zu. »Das stimmt.«
»Na ja, warum willst du's dann aufgeben und läßt dich versetzen?«
»Ich will's ja gar nicht, Red.«
»Aber du laßt dich doch versetzen.«
» 0 nein, ich laß mich nicht. Du vergißt. Ich werde versetzt. Das ist ein Unterschied,«
»Nu hör aber mal zu«, sagte Red hitzig.
»Hör du zu, Red. Gehen wir rüber zu Choys und frühstücken wir was, ehe die ganze Bande hinkommt und seinen Vorrat auffrißt.« Er machte eine Kopfbewegung nach dem erwachenden Schlafraum hin.
»Du benimmst dich wie ein Kind«, sagte Red, »Du wirst genau sowenig versetzt wie ich. Wenn du nicht hingegangen wärst zu Houston und dein Maul aufgerissen hättest, wäre gar nichts passiert.«
»Stimmt.«
»Vielleicht hat Houston dir wirklich seinen jungen AfEen als ersten Hornisten vor die Nase gesetzt. Und wenn schon? Das ist eine Formalität. Du hast noch immer deinen Rang. Der Scheißkerl kann höchstens den Zapfenstreich bei Beerdigungen blasen, das ist alles, was er davon hat.«
»Das ist alles.«
»Es wäre anders, wenn Houston dich hätte degradieren lassen und dem Jüngling deine Stellung gegeben hätte. Dann würde ich dir keinen Vorwurf machen. Aber du hast ja noch immer deinen Rang.«
»Nein, den hab ich nicht mehr. Nicht mehr, seit Houston den Alten gebeten hat, mich zu versetzen.«
»Wenn du jetzt zum Alten gehst, wie ich dir's sage, kostet es dich nur ein Wort, und du hast deinen Rang zurück. Mit oder ohne Chefhornist Houston.«
»Stimmt. Und Houstons junger Affe wäre trotzdem noch erster Hornist. Außerdem sind die Papiere schon durch. Gelesen, genehmigt und unterschrieben.«
»Zum Teufel«, sagte Red angewidert. »Mit unterschriebenen Papieren kannst du dir, du weißt schon was, abwischen; mehr sind die nicht wert. Du kannst das Ding drehen, Prew.«
»Willst du mit mir essen«, sagte der junge Mann, »oder willst du nicht?«
»Ich bin pleite«, sagte Red.
»Hab ich dich darum gebeten, zu zahlen? Das geht auf meine Kosten. Ich werde ja versetzt, nicht du.«
»Du sparst besser dein Geld. Die können uns in der Küche was geben.«
»Ich hab keine Lust, diesen Dreck zu fressen, wenigstens nicht heute morgen.«
»Es gab Spiegeleier heute morgen«, verbesserte ihn Red. Wir können sie noch heiß erwischen. Da, wo du hingehst, wirst du dein Geld brauchen.«
»Ja, ja, von mir aus«, sagte der junge Mann. »Aber laß mir doch den Spaß. Ich will einen ausgeben, weil ich weggehe. Weiter nichts. Willst du nun oder willst du nicht?«
»Gut«, sagte Red angewidert,
Sie gingen die Treppen hinunter und dann den Fußweg, entlang der A-Kom-panie, wo der Musikzug Quartier hatte, überquerten die Straße und gingen am Stabsgebäude vorbei zum Kaserneneingang. Die Sonnenhitze fiel über sie her und drückte sie nieder, als sie die Veranda verließen, und ebenso schnell verschwand sie, als sie den Tunnel betraten, der durch das Stabsgebäude ging und jetzt ,Ausfalltor' genannt wurde zur Erinnerung an alte Festungszeiten. Er war in den Farben des Regiments angestrichen und beherbergte in einem lackierten Kasten die größten Sporttrophäen des Regiments.
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