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1. PROBLEMSTELLUNG
In einer Untersuchung über „Die geheime Schutzgottheit von Rom"^ habe ich einen Komplex religiöser Ideen analysiert, der sich in verschiedenen Gestalten der römischen Religion offenbarte, wodurch diese Gestalten zur Funktion einer Stadtgottheit geeignet wurden. Diese Gestalten selbst sind aber in jener Untersuchung nicht in ihrer Vielschichtigkeit dargestellt worden, sondern wir begnügten uns mit dem Hinweis auf einen ihnen gemeinsamen Aspekt, in der Annahme, daß sich jener Aspekt jeder dieser göttlichen Gestalten organisch einfügt. Die vorliegende Studie über Vesta soU auf methodisch anderem Wege die Bestätigung jener Hypothese erbringen. Sie beschränkt sich nicht auf einen bestimmten Aspekt der Göttin, sondern sucht ihre ganze einheitliche Gestalt zu umgreifen. Erst aus der Rekonstruktion dieser Gestalt wird sich erweisen, ob auch in ihr die Idee der Stadtgottheit gegenwärtig ist und wie diese sich ihr gegebenenfalls einfügt.
Aus diesem Gesichtspunkt ist die Wahl der Gestalt der Vesta wohl begründet, angesichts der außerordentlichen Bedeutung, welche die Göttin für den römischen Staat anscheinend hatte. Diese Bedeutung erhellt aus einer Reihe von Tatsachen, die genügend bekannt sind, um uns den Nachweis im Einzelnen zu ersparen Erinnern wir nur an einiges, das ohne weiteres den Eindruck Augustins rechtfertigt, „nihil apud Romanos templo Vestae sanctius habebatur" (De civ. dei 3, 28), oder daß die Römer „(Vestam) dearum maximam putaverunt" (ibid. 7,16). Von der Rettung der sacra der Vesta schien das Heil des Staates abhängig. Deshalb bleiben die teilweise legendären Ereignisse denkwürdig, bei denen die sacra aus drohender Gefahr gerettet wurden. So beim gallischen Brand, als die Vestalinnen und der