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LEBEN UND WERK DES VINCENT VAN GOGH
VON WILHELM UHDE
WENN MAN DEN NAMEN VINCENT VAN GOGH ausspricht, fallen einem eine Menge leuchtender Bilder ein, zugleich aber die Dunkelheiten eines erschütternden Lebens, das sein Träger wie ein Kreuz zu einem frühen Golgatha schleppte. Kunst und Leben sind hier so innig verstrickt, unlösbar verbunden, daß man nicht, wie in „Künstlermonographien" üblich, sie gesondert beschreiben kann. Es kommt hinzu, daß dieses Leben sich nicht den Gesetzen einer Zeit und eines Milieus einordnet, dieses Werk keiner Richtung und keinem Programm. Beide sind ungewöhnlich und einmalig. Mit dem Namen van Gogh ist in erster Linie kein kunstgeschichtliches Thema gegeben, sondern ein eminent menschliches. Er war ein Missionar, der malte. Er war ein Maler mit sozialen Ideen. Seine Geschichte ist nicht die eines Auges, einer Palette, eines Pinsels, sondern die eines einsamen Herzens, das in den Mauern eines dunklen Gefängnisses schlug, sich sehnte und litt, und nicht wußte, warum. Bis es eines Tages die Sonne sah und in ihr den Sinn seines Lebens erkannte. Es flog ihr entgegen und verbrannte in ihren Gluten.
Diesen Weg von der Kälte zur Wärme, dem Nebel zur Helligkeit, vom Norden zum Süden, viele sind ihn vor ihm gegangen. Aber wie anders gingen sie ihn. Mit welcher Würde, welcher Besonnenheit, welcher Sorgfalt im Registrieren der Etappen legte ihn Goethe zurück. Unbesonnen und mit kindlicher Hast stürzte sich van Gogh, dem Ikaros gleich, in die tödlichen Gluten.
Die Tragik seines kurzen Lebens liegt darin, daß er dessen größten Teil damit verbrachte, unter Trauer, Schmerz und Verzweiflung das Einfachste, Sichtbarste zu finden, das es gibt, die Sonne, und daß er sterben mußte, als er sie gefunden hatte. Niemandem vorher war der Weg so schwer gefallen, der Weg des nordischen Menschen vom Literarischen, Gedanklichen, Moralischen und Sozialen fort zum Sinnlichen, zum Bilde. Nie auch war vorher dieses Suchen nach dem, was man nicht besitzt, so stürmisch gewesen. Ein Element der südlichen Klimaten war ihm in seine dunklen und kalten Ursprünge hinein doch angeboren: der Mistral, jener Wind, der imstande ist. Steine aufzuheben und zu schleudern. Den hatte er im Herzen, von ihm getragen suchte er das übrige: Sonne und Farben.
Sein Leben ist die Geschichte dieses großen leidenschaftlichen Herzens, das von zwei Dingen völlig ausgefüllt war: von Liebe und von Trauer. Liebe, nicht als Gernhaben und Bevorzugen, als Sympathie oder ästhetische Zuneigung, sondern in ihrer schwersten Form, der Caritas, einer tiefen religiösen Beziehung zu Menschen und Dingen. Hier ist die Wurzel seines Lebens und seiner Kunst. Diese Liebe ging bis zur Selbstopferung, zur Verschwendung des eigenen Ich. Sein Leben war ein ununterbrochenes Sichverschenken und die Malerei nichts anderes als die angemessenste endgültige Art des Verschwendens, nach vielen anderen Versuchen.
Die stürmische Hingabe, der religiöse Akt waren von außerordentlicher Größe, und !e größer sie