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VH.
„Von Kindheit an kennst du die Heiligen Schriften, die dich weise zu machen vermögen zum Heil durch den Glauben in Christus Jesus. Jede Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Zurechtweisung und zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der gottgeweihte Mensch vollkommen sei, ausgerüstet zu jedem guten Werk."
2 Tim 3,15—17
„Deine Schriften seien meine keuschen Wonnen! Laß mich in ihnen nicht irregehen noch andere irreführen! . . . Gib uns Muße, deines Gesetzes Verborgenheiten zu betrachten, und verschließ es denen, die anklopfen, nicht! Denn du hast nicht gewollt, daß so vieler Seiten dunkle Geheimnisse umsonst geschrieben würden. Oder haben jene Wälder nicht auch ihre Hirsche, die sich dahin zurückziehen, da ihre Kraft erneuern, wandern, weiden, ruhen? wiederkäuen? O Herr, vollende mich und enthülle sie mir! Sieh, deine Stimme ist meine Freude; deine Stimme geht mir über alle Lust. Gib, was ich liebe! Auch diese Liebe hast ja du gegeben. Laß deine Gaben nicht im Stich und verschmähe nicht deine dürstende Pflanze! Dir will ich alles bekennen, was ich in deinen Büchern finde, und hören möchte ich die Stimme des Lobes und dich trinken und die Wunder des Gesetzes betrachten vom Anfang, da du Himmel und Erde q^emacht hast, bis zu dem mit dir ewigen Reiche deiner heiligen Stadt! Herr erbarme dich meiner und erhöre mein Sehnen!"
Augustinus, Bekenntnisse 11,2
VORWORT
Wie in den blühendsten Zeiten kirchlichen Lebens steht die Heilige Schrift wiederum im Mittelpunkt der Beachtung. Das Bibelrundschreiben unseres Heiligen Vaters Pius XU. vom 30. Septemberl943 * bezeugt dies und ist selbst der schönste Ausdruck davon. ,,Es ist geziemend und angenehm, es auszusprechen, daß . . . die Bibelwissenschaft und der Gebrauch der Bibel unter den Katholiken große Fortschritte gemacht haben. Der Grund dafür liegt nicht bloß in den Einrichtungen, Anordnungen und Ermunterungen Unserer Vorgänger, sondern auch in den Arbeiten und Bemühungen aller derer, die ihnen treu Folge geleistet haben, sei es durch Betrachtung, Forschung und schriftstellerische Tätigkeit, sei es durch Belehrung,
Einleitung
BEGRIFF UND NOTWENDIGKEIT DER BIBLISCHEN HERMENEUTIK
Die Worte der Heiligen Schrift sind, wie bei jedem Buch und jeder Rede, Ausdrucksmittel von Gedanken, stellvertretende Zeichen, durch die der Mensch seine Gedanken mitzuteilen pflegt. Während nun ein Gedanke jeweils einen einzigen bestimmten Inhalt hat, ist keine menschliche Sprache so reich an Ausdrücken, um für jeden Begriff ein eigenes Wort bieten zu können. Daher dienen in jeder Sprache einzelne Wörter zur Bezeichnung verschiedener, wenn auch gewöhnlich in irgend einer Beziehung zueinander stehender Begriffe und damit zur Bezeichnung verschiedener Gegenstände. Man nennt dies die verschiedenen Bedeutungen der einzelnen Wörter. So kann das hebräische Wort ru<^ch, das griechische pneuma und das lateinische spiritus Hauch, Wind und Geist bedeuten; das deutsche Wort Strauß kann drei sehr verschiedene Dinge bezeichnen: einen Vogel, ein Blumenbündel, einen Kampf. Der Sinn eines Wortes ist die Bedeutung, in der es im einzelnen Fall gebraucht wird.
Die biblische Hermeneutik ist die Wissenschaft von der Auslegung ^ der Heiligen Schrift. Sie gibt und begründet die Regeln, mit deren Hilfe der Sinn der biblischen Worte gefunden werden kann. Weil die Heiligen Schriften in menschlicher Sprache und Ausdrucksweise geschrieben sind, muß sich die biblische Hermeneutik die Regeln zunutze machen, die für die Auslegung jeder Menschenrede und jedes menschlichen Schrifttums gelten. Außerdem muß sie aber auch die Auslegungsregeln behandeln, die sich aus der besonderen Eigenart der Bibel als Wort Gottes ergeben.
Warum bedarf die Heilige Schrift überhaupt einer Erklärung, und warum muß eine besondere Wissenschaft die Regeln für diese Erklärung lehren? Bedeutet es nicht einen Mangel, der auf den göttlichen Urheber der Heiligen Schrift zurückfällt, daß sie sich nicht in einer Weise ausdrückt, die allen unmittelbar verständlich ist? Viele haben in der Tat gemeint, die Heilige Schrift genüge für sich allein und sei für den religiösen Menschen genügend klar. Die Irrtümer, die sie aus der Bibel herausgelesen, richtiger gesagt, in sie hineingelesen haben, beweisen jedoch das Gegenteil. Es ist auch gar nicht schwer einzusehen, warum die Heilige Schrift nicht jedermann ohne weiteres zugänglich ist.
Indem Gott sich herabließ, mit den Menschen in der Heiligen Schrift nach Menschenart zu reden, paßte er sich der beschränkten menschlichen Ausdrucksweise an. Dies zeigt sich schon darin, daß Gottes Wort sich jeweils in das Gewand nur einer einzigen Sprache
i Das griechische Zeitwort hermeneuein bedeutet verdolmetschen, erklären, auslegen.
1 Schildenberger, Vom Geheimnis des Gottesworles