Bővebb ismertető
PROLOG
Als ihr Mann starb, verkaufte Frau Doktor seine Praxis zu einem hübschen Preise, bezahlte in einem etwas späten Anfall biederer Rechtschaffenheit einen Großteil ihrer Schulden und zog an die gegenüberliegende Seite der Stadt, wo sie in der Nähe des Hügelgütlis, wenig oberhalb der Tramhaltestelle an der endlosen Arfelsdorferstraße ein Haus kaufte, dessen Äußeres nicht übel zu ihr paßte. Das skurrile Gebäude erinnerte zugleich an einen Hahn und an ein Schloß. Zackig ragte der runde Turm in die Höhe, aus dessen Lenden drei efeuumrankte Hausstockwerke hervorquollen. Das Innere des purpurroten Märchenschlosses ähnelte den Eingeweiden eines Menschen; da gab es, um im Bilde zu bleiben, einen auf- und absteigenden Dickdarm, Herzspitzen, Rippenbögen und alles, was man sich wünschen konnte. Es war aber nicht etwa Pietät gegenüber dem Beruf ihres verstorbenen Gemahles, die Frau Doktor zum Kaufe gerade dieses grotesken Backsteingerippes veranlaßte, als vielmehr ihre angeborene Vorliebe für möglichst Ausgefallenes, Außerordentliches undUngewöhnliches. Dabei mußte sich die Ausgefallenheit irgendeines Gegenstandes oder eines Menschen nicht den Gesetzen der Schönheit oder Nützlichkeit unterordnen, was ihrem Geschmack wenigstens einen gewissen Halt, eine persönliche Note verliehen hätte! Nein! Richtlinien kannte Frau Doktor schon gar nicht, oder, wenn es ein Gesetz gab, dem sie sich freudig beugte, dann war es die Gesetzlosigkeit, die Willkür und ein unbestimmtes Etwas, das weder hier noch dort eingereiht werden kann, das außerhalb jeder Faßbarkeit liegt, ein psychischer Grenzzustand, halb Irre-, halb Übersein.
Er war es, der sie gerne in dieses Haus ziehen ließ, das zwischen Stadt und Land, zwischen Ebene und Abhang, zwischen grauen Steinbrüchen und gelben Lehmgruben lag, als stünde es über allem, tatsächlich jedoch allem machtlos ergeben, ausgeliefert und verfallen gestrig dahindäm-merte.
Vor der ausgetretenen Sandsteintreppe, die zum Haupteingang des Schlößchens hinaufführte, saß seit dem frühen Morgen mit untergeschlagenen Beinen Jonas Fischbein und hielt eine flache, da und dort bereits aus den Fugen geratene, alte, geflochtene Bastschale vor sich hin, deren Leere mit der Kahlheit seines Schädels wetteiferte, in dem zwei Äuglein wie seltsam wässerige, runde Glaskügelchen hin und her rollten, von denen man nicht recht sagen konnte, ob sie bereits idiotisch waren, oder nur aus irgendwelchen unbekannten Gründen idiotisch scheinen wollten.
Um sieben Uhr früh erschien die Putzfrau, eine zugriffige, dreiundsechzigjährige Italienerin, die in einer benachbarten Hütte lebte und im Garten zu jäten begann.
«Großer Tag heute, Jonas?»
«Abermals erging das Wort des Herrn an Jona: Auf, zieh nach Ninive, der großen Stadt, und predige ihr die Botschaft, die ich dir aufgetragen habe.»
Die beiden kannten sich wie zwei Haustiere, bellten hie und da, beschnupperten einander oder würdigten sich keines Blickes.
Zwei Stunden später verscheuchte Jonas Fischbein zwei Wanderkrämer, die beim Anblick seiner leeren Bastschale entsetzt die Flucht ergriffen.
Den Postboten forderte er auf, ihn als Briefkasten zu benützen. Der legte seine Nachrichten und Zeitungen brummend in die hingehaltene Strohtasse imd verließ kopfschüttelnd den Garten. Kurz darauf verschwand Jonas