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EINLEITUNGWenn wir ein Buch über Homer in die Hand nehmen, so machen wir viel= fach die Erfahrung, daß hier von einer Welt die Rede ist, die fünfhundert Jahre vor der Entstehung der Homerischen Epen liegt, die kretisch=mykenische. Die sehr hochgezüchtete, stark naturalistisch gefärbte Kultur von Kreta undMykene ging nach raschem innerem Verfall im 12. Jahrhundert v. Chr. in Völkerwirren zugrunde. Es folgte eine Periode des Vergessens. Wenn wir heute von der kre= tisch=mykenischen Zeit auch einiges wissen, so nicht auf Grund, einer lückenlosen Überlieferung, sondern ausschließlich durch die dem Boden entrissenen Funde. Für die erwachende griechische Kultur waren diese Schätze stumm. Sie lagen begraben unter einer meterhohen Schuttschicht. Was allenfalls weiterlebte, waren Sagen und Märchen, waren Weihgeschenke in den Gerümpelkammern alter Heiligtümer, waren überkommene Familienandenken zuunterst in der Lade. Können wir daher die mykenische Welt wirklich homerisch" nennen? Gewiß, wir werden zugestehen: die Homerischen Epen spielen" in dieser Zeit. Goethes Faust" spielt" im Spätmittelalter. Es wäre aber sonderbar, wenn wir das ausgehende Mittelalter als goethisch" bezeichneten, nur weil sich der Dichter den Stoff für seinen Faust" dort geholt hat. Dennoch: einen Vorteil hat die Überbetonung des rein Stofflichen, und zwar sehr äußerlich Stofflichen, gehabt. Es erweist sich immer deutlicher, daß Homer unmöglich im 9. und kaum schon im 8. Jahrhundert das heißt in geometri= scher Zeit" gelebt haben kann. Es ist unwahrscheinlich, daß ein geometri= scher Künstler die seiner Wesensart so fremde mykenische Welt überhaupt hätte zeichnen wollen, so genau und richtig, wie Homer dies tatsächlich wollte, unbeschadet dessen, ob es ihm gelungen ist oder nicht. In den Jahren vom ersterbenden kretischen Naturalismus bis zu seinem großartigen Gegenpol, der klassisch geometrischen Vasenmalerei, hätte niemand die Fähigkeit be= sessen, etwa ein solch kompliziertes psychologisches Geschehen wie den Zorn des Achill im ersten Gesang der Ilias sich überhaupt bewußt zu machen, und die höchst pathetische, in Strenge erstarrte Spätzeit hätte ein solch prekäres Abenteuer wie die Verführung des Zeus auf dem Ida im vierzehnten Gesang nicht für einen auch nur denkbaren Gegenstand der Kunst gehalten. Es gibt vor dem Hellenismus nicht wieder einen solch spöttischen, freigeistigen, uni= versal interessierten Dichter wie Homer. Er gehört in die Zeit, die wir in der Archäologie orientalisierend" nennen, und er ist nirgendwo anders, nicht früher und nicht später, unterzubringen.5