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Der steinerne Fisch
Vor einiger Zeit häuften sich in meinem Leben die Jahrestage mit runden Zahlen. Vor fünfzig Jahren war ich als junger Student zum erstenmal in Indien gewesen, vor vierzig Jahren fuhr ich als Journalist nach China. Daneben gab es noch einige andere Ereignisse mit runden Jahreszahlen; audi wurde ich siebzig. Einen Großteil meiner erwachsenen Jahre habe ich in Asien verbracht und mich dort meist glücklicher gefühlt als in Europa, wo mein Leben durchaus geordnet und zufriedenstellend verlief. Es muß an der besonderen Atmosphäre Asiens gelegen sein, daß ich bei jeder Rückkehr nach Europa eine Art Sdiodc verspürte, der äußerlich durchaus nicht gerechtfertigt schien, denn hier ging es mir meist besser als auf meinen asiatischen Wanderungen.
Bertrand Rüssel hat — vereinfacht ausgedrückt — die großen Kulturen der Menschheit so charakterisiert:
Der Westen erforschte hauptsächlich die äußeren Dinge, die ihn umgebende Natur. Er hat manche ihrer Gesetze erkannt und sie zu nutzen gewußt. Aber nach vielen Jahrhunderten der Blüte und Weltherrschafl steht er vor einer schrecklichen Bilanz. Das ökologisdie Gleichgewidit ist zerstört, die atomare Drohung überschattet unser Leben, die Einsamkeit und Ratlosigkeit des einzelnen in der mechanisierten Welt wird immer größer.
Die Inder haben sich mehr mit dem eigenen »Ich« beschäftigt, sie su-dien das Ewige in sich selbst. Durch Versenkung und Meditation wollen sie die Geheimnisse des Universums erkennen. Tiefgründige Philosophien und oberflädilidier Aberglaube nebeneinander sind die Ergebnisse dieser Einstellung. Aber der Hinduismus ist mehr eine Lebensart als eine Religion, und die unzähligen Götter des indischen Pantheons sind nur verschiedene Manifestationen der einen All-Gottheit. China hat sein Interesse mehr den (Mit)Menschen zugewandt und ein harmonisches Zusammenspiel der Gegenpole Yang und Yin vervollkommnet. Die technische Perfektion des Westens wurde genauso vernachlässigt wie die tiefe Kontemplation Indiens. Das relativ reibungslose Nebeneinanderleben von einer Milliarde Chinesen ist das Ergebnis dieses mittleren Weges.
Dieser — horizontalen — Bestandsaufnahme Russeis, die das Wesentliche der einzelnen Kulturen gut kennzeichnet, lassen wir eine zeitliche — vertikale — Einteilung der letzten Jahrhunderte folgen, die Albert Camus ausgesprochen hat. Das I7. Jahrhundert wurde von der Mathe-