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Vorwort
von Marion Gräfin Dönhoff
Am 9. November 1989 vollzog sich die lang ersehnte Öffnung der Mauer in Berlin. Am nächsten Morgen hatten wir in der Redaktion der ZEIT unsere übliche politische Konferenz: kleiner Kreis, alle sind heftig diskutierend um den Tisch versammelt, da kommt Helmut Schmidt herein, kurz angebunden wie gewöhnlich, »Guten Morgen!« ist überflüssig. Sein erster Satz lautet: »Jetzt muß der Kanzler eine Blut-, Schweiß- und Tränenrede halten und sagen: Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen, aber jetzt lohnt es sich.« Unser Verhältnis zu den Ostdeutschen sähe heute gewiß anders aus, wenn der damalige Bundeskanzler diese Rede gehalten hätte. Vier Wochen später haben alle politisch denkenden Menschen so empfunden - aber am Morgen nach dem Mauerfall?
Drei besondere Eigenschaften sollte jeder große Staatsmann besitzen: erstens die Fähigkeit, eine Situation richtig zu analysieren; zweitens das Vermögen, das, was geschehen muß, klar zu formulieren; drittens schließlich die Kraft, die Bürger von der Notwendigkeit seiner Entscheidung zu überzeugen. Helmut Schmidt besitzt all diese Eigenschaften, daneben jedoch noch die große Gabe der Intuition.
Wenn wir über wirtschaftliche Fragen oder über finanzpolitische Probleme beraten, ist seine Meinung meist entschiedener, besser belegt und präziser artikuliert als die der anderen. Aber auch, wenn es sich um ganz abgelegene Themen handeh, kann man beobachten, wie er stumm in sich versunken zuhört und dann plötzlich auf den springenden Punkt losschießt. In solchen Momenten steigt vor mir immer das Bild eines Habichts auf, der scheinbar absichtslos am Himmel seine Kreise zieht, bis er sich blitzartig im