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GIB MIR DIE GABE DER SPRACHE
DÖRTE GIEBEL (15)
Auch ich
Ich bin 15 und will nie erwachsen werden.
Meine Umwelt, besonders meine Ekern, bekommen diesen Vorsatz sehr zu spüren. Meine Kleidung - ich neige zu schwarz und alles möglichst knapp und eng - mißfällt und meine scheinbare Gleichgültigkeit allen Dingen gegenüber auch.
Ich rede nicht viel, und wenn, dann direkt und zynisch. Mit den Lehrern habe ich damit schon oft Probleme gehabt. Meine Musik und meine Diskussionsbeiträge sind immer etwas zu laut, aber das gedenke ich nicht zu ändern; ich will ja, daß man mich hört.
»Was sollen die Leute bloß denken?!« Der meistgesagte Satz meiner Eltern. Daß ich gerade das erreichen will, daß die Leute sich was denken, das kapieren sie nie. Und daß ich mich für wenigstens etwas, für Politik nämlich, interessiere, paßt ihnen auch nicht, seit ich mich den Kommunisten angeschlossen habe.
Uberhaupt, bei meinen Alten bin ich ziemlich unten durch. Ich gab vor zwei Monaten das Geigen auf, und mein Freund - der schönste Punk, den ich je gesehen habe - rasierte mir gestern fast alle Haare ab.
Ich bin 15 und will nie erwachsen werden.
Doch ich will nicht lügen. Ich gestehe, daß ich mich »normal« kleide, in der Schule zurechtkomme und ein gutes Verhältnis zu den Lehrern habe. Ich gestehe, daß mein Freundeskreis meinen Eltern zusagt, daß meine Musik immer auf Zimmerlautstärke ist und daß es bis jetzt nur bei dem Vorsatz geblieben ist, mit dem Geigen aufzuhören.
Mein einziger Protest gegen die Erwachsenenwelt war, daß ich vor kurzem meinen Pony in Stoppeln verwandelt habe. Ansonsten - ich gestehe - leiste ich nur schriftlich in meinen Tagebüchern den eben geschilderten Widerstand.
Und trotzdem: Ich bin 15 und will nie erwachsen werden.