Bővebb ismertető
Heinrich Boll
Die humane Kamera
Es gibt große Augenblicke der Photographie. Wenn die Kamera dem geschichtlichen Augenblick begegnet, zur Stelle ist, wenn im einzelnen Schicksal das allgemeine zum Bild werden kann, ohne das einzelne Schicksal im Vorgang des Photo-graphierens zu verletzen. Wo die Kamera zudringlich wird, ihr Instrument, das Objektiv, zum Instrument des Subjekts, des Photographen wird, der darauf aus ist, den Menschen zu ertappen, zu denunzieren, zu entlarven, überschreitet die Photographie ihre ästhetische und gleichzeitig ihre moralische Grenze. Wer am Schlüsselloch lauert, entdeckt natürlich den Menschen in seiner Gebrechlichkeit. Die Verwechslung von Tabu und Geheimnis ist längst selbstverständlich geworden. Im Tabu verbirgt sich Magie, im Geheimnis nicht. Religion, Liebe, Schlaf sind nicht magisch, sondern geheimnisvoll, wie das Alltägliche geheimnisvoll ist: wie Menschen miteinander essen, sich kleiden, ihr Brot verdienen. Familie, Beruf, Freundschaft. Diesen Geheimnissen kann sich die Photographie nur nähern, wenn im einzelnen Schicksal, ohne daß es verletzt wird, das Allgemeine sichtbar gemacht werden kann. Es gehört nicht viel dazu, private Geheimnisse zu erfahren und sie preiszugeben. Gewiß würde es weder großen technischen Verstand noch viel Geschicklichkeit erfordern, in einen Beichtstuhl ein Mikrophon einzubauen, an der Mitteilung von Geheimnissen teilzunehmen, diese möglicherweise über irgendeinen Sender hinauszuschicken. Der Titel der berüchtigten Fernsehsendung „Vorsicht, Kamera" ist ja nur eine fälschlicherweise ins Scherzhafte gewendete Variation von Orwells Großem Bruder, dessen Auge und Ohr nichts entgeht. Wird
derart Erfahrenes oder Erlauschtes dem hochwohllöblichen Publikum dargeboten, beweisen Film-, Photokamera und Tonband, daß sie verräterisch sind, Denunziation ihr Ziel ist. Es geht ja nicht um Wahrheit, nicht einmal um „Objektivität", sondern um die hämische Teilnahme an des Menschen Gebrechlichkeit. Moral der Photographie? Das erscheint lächerlich, wo das „Objektiv" am Werk ist. Die große Täuschung der Photographie liegt in der Vor-Täuschung „objektiver Wirklichkeit". Es entscheidet ja nicht das Objektiv, sondern das Auge des Photographen, außerdem dessen Auswahl, Chemikalien, Vergrößerung, Verkleinerung, Papiersorten. Die „Wirklichkeit" hat also einige Veränderungsprozesse hinter sich. Vielleicht waren die Photographien in den Alben unserer Väter und Großväter ehrlicher: die erkennbare Kulisse, die Künstlichkeit der Pose, der Komposition, des Arrangements war humaner als der Schnappschuß. Im Wort Schnappschuß sind zwei Gewaltverben, schießen und zuschnappen, vereint. Wenn technisch perfektes Photographien in jedermanns Hand gegeben ist, ist Orwells Großer Bruder ja fast allgegenwärtig. Überall Augen: künstliche, magische Augen, die Ölheizungen und Garagentore, Produktion und Passage kontrollieren. Täglich werden Photos um Photos gemacht und verschlungen, bewegte, unbewegte, ein großer Ausverkauf, der auf Kosten des menschlichen Auges geht, in einem doppelten Sinn, auf Kosten seiner Fähigkeit zu sehen und seiner Humanität. Als Erinnerungsstück ms Album geklebt, mag's in einigen Jahren Rührung hervorrufen, festgehaltene Augenblicke: Geburt, Hochzeit, Tod.
Es gibt Augenblicke, in denen auf einer Photographie der Sinn einer Landschaft, ihr Atem spürbar wird, ein Porträtierter „erkannt" wird oder der geschichtliche Augenblick vors Objektiv kommt: ein Kind in Uniform, Frauen, die auf dem Schlachtfeld nach ihren Toten suchen; wo Weinen mehr als privat, das Weinen der Menschheit ist. Da werden nicht Geheimnisse verraten, das Geheimnisvolle der menschlichen Existenz wird sichtbar. Es ist nicht sensationell, verdient kein Aufsehen oder Aufhebens, wenn ein professioneller Tunichtgut die jeweilige Sitte oder jeweilige Scham verletzt. Sensationell ist der kleine Chinesenjunge, der sich mit ungeheurem Ernst über die Blechbüchse beugt, aus der er seinen Reis ißt. Die Exotik des Menschlichen liegt nicht im nationalen oder rassischen Unterschied, sie liegt im sozialen Unterschied. Die humane Kamera wird entdecken, daß die Menschen nicht überall gleich, sondern überall Menschen sind, deren Menschwerdung gerade erst begonnen hat.
Der Sinn dieser Ausstellung könnte darin liegen, Nachdenklichkeit gegenüber dem Photographien zu erwecken. Ob ertappt, entlarvt, denunziert werden soll, ob die Kamera das Auge des Großen Bruders ist, oder ob hinter dem Objektiv ein Mensch steht, dessen Menschwerdung schon begonnen hat, der das Geheimnis respektiert, wenn er das Geheimnisvolle sichtbar machen will.