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EINFÜHRUNG: DER BEGRIFF GESCHICHTE
In dem Begriff „Geschichte", wie ihn die Moderne gebraucht, hegt ein Zweifaches: Geschichte als Vergangenes, Geschehenes, als eine Summe von Ereignissen, Handlungsabläufen, Taten und Errungenschaften der Menschheit, die, in Bezugsgeflechten zueinander stehend, sich abspielten und sukzessiv aneinanderreihten, dabei, je höher der Zeithorizont rückte, desto mehr aus der ,,Erinnerung", der memoria - wie die Römer anfänglich Geschichte verstanden in die Vergessenheit und damit in die Sphäre geschichtlichen Dunkels absinkend, nur zuweilen noch erhellt von wenigen geringfügigen Dokumentationen gewesener menschlicher Existenz. Aber diese Dokumentationen, in den Anfängen als Spuren faßbar, dann allmähhch anwachsend, bis sie in der Flut geschichtlicher Zeugnisse einmünden, welche die Neuzeit mit sich bringt, weisen auf die andere Komponente des Begriffs „Geschichte": Geschichte als Gegenwärtiges, Seiendes, d. h. als ein Vergangenes, das in die Gegenwärtigkeit gerückt wird in einem Prozeß der Vermittlung, bei dem der Historiker als Medium fungiert, das in den Zeugnissen der Geschichte „liest", sie deutet, erklärt und damit der Gegenwart vermittelt. „Die Vergangenheit, mit der sich der Historiker befaßt, ist nicht tot, sie lebt in gewisser Weise in der Gegenwart weiter." (R. CoUingwood, The Idea of History). Geschichte ist also nicht nur das vom menschlichen Sein hervorgebrachte, aber bereits vergangene Geschehen an sich, von einem gewissen übergreifenden, den Gang der Menschheitsentwicklung bestimmenden oder prägenden Bedeutungsgehalt, vergangenes Geschehen, zu dem alles Menschendasein im Fortgang der Zeit herabsinkt, womit Geschichte den Wandel an sich, in dem der Mensch immer steht, bezeichnen würde, wobei jedoch als statisches Element hineinspielt, daß nur das im Rückblick das Augenmerk auf sich ziehen und somit die Zeit überdauern kann, was in seiner Zeit bereits Bedeutung, d. h. prägende, geschichtsbe-stimmende Wirkung besaß, während die Vielzahl der anderen Ereignisse, Handlungen und geschaffenen Gebilde, die menschliches Sein ebenfalls hervorbringt, das durchschnittliche Tun des Menschen, in der historischen Retrospektivität irrelevant, d. h. geschichtslos ist - Geschichte ist also nicht nur historisch bedeutungsvolles ver-
gangenes Geschehen, sondern bezeichnet auch den Vermittlungsvorgang selbst, also das Wirken des in der menschlichen Vergangenheit forschenden Menschen, der aus den Überlieferungsformen, die unterschiedlichster Art sein können, das vergangene Geschehen erschließt, das Bild einer Epoche, eines Menschen in seiner Zeit u. a. erstehen läßt, Dinge, die im Dunkel der Vergangenheit liegen, hervorholt und sie erhellt, woraus sich in der Moderae die historischen Disziplinen entwickeh haben, das Fach „Geschichte", das alle Formen historischer Forschung umgreift. In dem Vermittlungsvorgang jedoch, den der Historiker unternimmt, um das Bild menschlicher Vergangenheit zu erhellen, liegt zweifelsohne eine Gefahr, die Umdeu-tung der Geschichte, was sogar als bewußter Akt unter ideologisch-weltanschauU-chen Gesichtspunkten unternommen werden kann. Es geht hier um Fragen der Objektivität und Interpretation geschichtlicher Ereignisse, um die Auslegung der historischen
tiefsten Vergangenheit ruhen mögen - immer auf ein gegenwärtiges Bedürfnis, eine gegenwärtige Lage bezogen ist, in der diese Tatsachen mitschwingen" - Die Geschichte als Gedanke und als Tat), und der Philosoph und Historiker CoUingwood soll geäußert haben: „Der heilige Augustin betrachtete die Geschichte unter dem Blickwinkel der frühen Christen; Tillamont unter dem eines Franzosen aus dem 17. Jahrhundert; Gibbon unter dem eines Engländers aus dem 18. Jahrhundert; Mommsen unter dem eines Deutschen aus dem 19. Jahrhundert. Da hat die Frage, welches nun der richtige Blickwinkel war, keinen Sinn. Jedem war nur der seine möglich." Sicherlich markieren diese beiden aufgeführten Anschauungen extreme Positionen in der Beurteilung von Aufgabe und Möglichkeiten einer Geschichtsbetrachtung; einer modernen Geschichtsschreibung, die nicht nur in theoretischen Erörterungen des Problems und in geschichtsphilosophi-schen Diskussionen stecken bleiben will, sondern auf eine Praktikabihtät der Ideen ausgerichtet zu sein und ein gewisses Maß eines gesunden Pragmatismus aufzuweisen hat, wird es vielmehr darum gehen, gangbare Wege der Erfassung dessen, was geschehen ist, zu beschreiten, die sich in der Mitte der beiden angeführten Positionen anzusiedeln haben. Wohl dürfte der Trugschluß überwunden sein, daß ein fester Kern historischer Fakten vorhanden sei, die für sich, objektiv und völlig unabhängig von der Auslegung des Historikers bestehen, da die jeweilige Selektion der Fakten bereits dem Erkenntnisvorgang eine andere Färbung zu geben vermag, zudem die Festsetzung der Fakten zur „a priori-Ent-scheidung des Historikers" (E. H. Carr) gehört und nicht zwingend aus der Qualität der Fakten selbst erwächst, doch weist sich im Problemfeld historischer Hermeneutik trotz der angeführten Einschränkungen ein begehbarer Weg aus, der an S.Kierkegaards Begriff der „Gleichzeitigkeit" anknüpft (Philosophische Brocken, 4. Kap.) und von Hans-Georg Gadamer in seinem grundlegenden Werk einer philosophischen Hermeneutik, „Wahrheit und Methode", für die ontologische Deutung der Kunst und der Kunstwerke wieder fruchtbar gemacht wurde. Mit Gleichzeitigkeit meint Kierkegaard, der dem Begriff eine theologische Prägung gab, nicht die Simul-