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VORWORT
Dieses Buch handelt von Europa, genauer: vom Abendland; insgeheim handelt es sogar von der Gegenwart des Abendlandes und von seiner Zukunft. Doch es handelt davon auf dem Umwege über eine fünftausendjährige Vergangenheit. Kann man von Europa anders handeln als auf geschichtlichen, und wenn man es gründlich meint, sogar auf weltgeschichtlichen Umwegen? Europa ist nicht von Natur, sondern durch Geschichte ein Kontinent, das heißt ein Zusammenhaltendes. Und zumal das Abendland ist eine weltgeschichtliche Tatsache. Daß es sich von fünftausend Jahren Rechenschaft zu geben weiß, fünf Jahrtausenden verpflichtet ist, sich vor fünf Jahrtausenden zu verantworten hat, macht nicht nur sein Selbstbewußtsein, sondern sein Wesen aus.
Wer heute Weltgeschichte sagt, begegnet freilich der Skepsis, besonders dann, wenn er diesen Begriff nicht im summarischen, sondern im spezifischen Sinne meint, nämlich die Einheit der Weltgeschichte behauptet. Es gehört zu den bewährtesten Arbeitshypothesen der modernen Geschichtswissenschaft, von Geschichte solle nur gesprochen werden, wo ein reales Wesen gegeben ist, das diese Geschichte als sein Schicksal gehabt hat: ein Volk insbesondere, ein Staat oder ein Reich, etwa noch eine zusammengehörige Gruppe von Staaten, eine Völkergemeinschaft, ein Kulturkreis. Daraus ergibt sich dann der Schluß: Weltgeschichte könne wohl nur die Summe der vielen Einzelgeschichten sein, und wenn sie mehr zu sein beanspruche, nämlich eine Einheit, so sei sie ein Schicksal ohne einen davon Betroffenen, ein Salj ohne Subjekt, wie Spengler sagte »eine Fiktion«.
Hinter dieser Skepsis steht die ganze große Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts, und darum ist sie so ernst zu nehmen. Nur weil der geschichtliche Stoff, so fand man, früher reichlich mit rationalen Ideen beschickt worden war, leuchtete in ihm so etwas wie eine Einheit der Weltgeschichte auf; er spiegelte denn auch immer nur wider, was man in ihn hineingespiegelt hatte: den Fortschritt der Aufklärung, den Sieg der Ver-