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Wenn man Freunde hat... [antikvár]

Gábor von Vaszary

 
Die Stromwächter Es ist der 28. August des Jahres 1932. Ein langweiliger Sonntagnachmittag in Paris. Sonnenaufgang: 5 Uhr 2 Minuten, Untergang: 18 Uhr 41 Minuten. Es ist der Tag des heiligen Augustinus, des Verfassers von «De civi-tate Dei». Gestorben im Alter von 76 Jahren. Die Uhr zeigt 10 Minuten vor drei, und mir scheint es im Augenblick völlig unvorstellbar, daß auch ich einmal sterben werde. Ich komme eben vom Mittagessen aus einem kleinen Restaurant des Boulevard Saint Michel, unmittelbar neben der Capoulade. Es gab: Soupe aux...
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Die Stromwächter Es ist der 28. August des Jahres 1932. Ein langweiliger Sonntagnachmittag in Paris. Sonnenaufgang: 5 Uhr 2 Minuten, Untergang: 18 Uhr 41 Minuten. Es ist der Tag des heiligen Augustinus, des Verfassers von «De civi-tate Dei». Gestorben im Alter von 76 Jahren. Die Uhr zeigt 10 Minuten vor drei, und mir scheint es im Augenblick völlig unvorstellbar, daß auch ich einmal sterben werde. Ich komme eben vom Mittagessen aus einem kleinen Restaurant des Boulevard Saint Michel, unmittelbar neben der Capoulade. Es gab: Soupe aux poireaux, selle d'agneau au cresson, cardons a la moelle, cour a la creme, mousse au chocolat. Dazu habe ich einen etwas scharfen Rotwein getrunken und einen heißen Mokka. Ich wohne im Hotel de l'Espérance, im vierten Stock. Augenblicklich stehe ich an meinem offenen Fenster und stecke mir eine «Hellas» an, eine wohlschmeckende griechische Zigarette. Über dem Meer der von rauchenden Schornsteinen gekrönten Hausdächer strahlt der Himmel. In diesem Monat nehmen die Tage um 96 Minuten ab. Ich müßte dringend den Artikel für die Wochenzeitung «Der Stromwächter» schreiben. Ich hätte ihn eigentlich schon vor vier Wochen schreiben können. Der Artikel soll humoristisch sein, gleichzeitig aber auch bei den Stromwächtern eine moralische Wirkung hervorrufen, selbstverständlich nur eine ganz versteckte, denn die Menschen lieben ja im allgemeinen keine Sittenpredigten. Ganz besonders die Stromwächter nicht. Mit einem Wort, ich soll humoristisch sein, mich aber nicht etwa über die Stromwächter lustig machen, höchstens über den Strom als solchen, die Stromwächter aber muß ich unbedingt vom sittlichen Standpunkt aus betrachten. Außerdem muß in dem Ganzen auch noch eine Moral deutlich werden, so eine Art Stromwächtermoral. Noch ein unangenehmer Umstand erschwert mir meine Arbeit: ich werde für meinen humoristischen Artikel kein Geld mehr bekommen; man hat mir mein Honorar freundlicherweise schon vor fünf Wochen ausgezahlt und mit dieser unvorsichtigen Tat jeden Ehrgeiz in mir ertötet. Ich wüßte wirklich nicht mehr zu sagen, wofür ich das Geld eigentlich ausgegeben habe. Der Artikel hätte eigentlich seit ungefähr vier Wochen fertig sein müssen, seit wenigstens zwei Wochen hätten die Stromwächter ihn auch schon lesen und sich darüber totlachen können, mit einem Wort, jeder hätte längst sein Vergnügen daran haben können — einzig und allein ich murkse noch damit herum. 5

Termékadatok

Cím: Wenn man Freunde hat... [antikvár]
Szerző: Gábor von Vaszary
Kiadó: Rowohlt Verlag GmbH
Kötés: Ragasztott papírkötés
Méret: 120 mm x 190 mm
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