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EINFÜHRUNG
Es ist nie ernsthaft bestritten worden, daß Gottfried Kellers Werk Dichtung hohen Ranges ist. Zwar nicht in dem Sinne, daß man sich mit ihr auseinanderzusetzen hätte, daß sie den Menschen vor Probleme stellt (das allenfalls im „Grünen Heinrich"), sondern daß man sie zuerst und vor allem mit echter Freude genießen muß.
Wer das tut, spürt bald, daß er in eine eigne Welt versetzt wird. Diese Welt ist des Dichters Gottfried Keller ureigene Schöpfung. Es ist eine Welt des reinen Diesseits. Nur sie, seine geliebte Erde mit ihrem „goldenen Uberfluß", sieht er als Gegebenes an, und mit ihr das im Grunde beglückende Maß an Freud und Leid, das sie ihren Kindern, den Menschen, oft allzu reichlich beschert. So gewinnt seine Erzählkunst eine Handfestigkeit, die nichts von geheimnisträchtigen, übersinnlichen Hintergründen weiß: seine dichterische Welt scheint wie von heller Tagessonne überstrahlt; seine Menschen kennen keine andere Problematik als die ihres eignen Herzens. Aber, so könnte man hier fragen und auf Goethe etwa, auf Hölderlin, Novalis, Eichendorff und Stifter verweisen, - gehört nicht zum Wesen wahrer Dichtung Hintergründigkeit? Gehört nicht dazu jene Transparenz, die das irdische Geschehen nur als tragisch verschattetes Abbild eines höheren Lebens spiegelt? Ist es nicht Aufgabe der Kunst, uns zumindest eine Ahnung davon zu vermitteln, daß uns diese Welt hier niemals genügen kann und nur ein im Grunde leidvoller Durchgang zu einer reineren Urheimat ist etwa im Sinne jenes Novaliswortes: „Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause"? „Vom Geheimnis ist nichts über Gottfried Keller", sagt Paul Fechter und stellt den Schweizer Dichter seinem Landsmann Jeremias Gotthelf gegenüber, von dem er sagt, daß der „noch der uralten Vergangenheit der Dichtung angehört, ihr Geheimnis und mit diesem Geheimnis die alten Zauberwirkungen will, die eigentlich überhaupt erst die Tätigkeit des Schreibens und Dichtens rechtfertigen". Und Fechter weist auf den verhängnisvollen Einfluß, den die atheistisch gerichtete Religionsphilosophie Ludwig Feuerbachs auf Keller ausgeübt hat.
Es ist richtig: Kellers Weltschau, wie sie sein Werk spiegelt, trägt deutliche Merkmale jenes Geistes des 19. Jahrhunderts,
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