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Werter Nachwuchs
Gestern habt Ihr wieder einmal, in schöner Einigkeit, über den Karl geschimpft und habt mir Vorwürfe gemacht, weil ich ihn angeblich immer verteidige.
»Nur weil er dein Bruder ist«, habt Ihr gesagt, »mußt du ihn nicht dauernd in Schutz nehmen!«
Also erstens: Da der Karl mein »kleiner« Bruder ist, habe ich ihn seinerzeit, in Kindertagen, ständig in Schutz nehmen müssen, und so ein Verhalten kann man sich, wenn man dann erwachsen ist, wahrscheinlich nicht mehr abgewöhnen. Für mich bleibt der alte Hornochse sein (oder mein) Lebtag lang der kleine Karli. Man müsse, habt Ihr mir streng erklärt, einen Menschen nach seinen Handlungen und deren Auswirkungen beurteilen. Und da sei der Karl eben sehr zu verurteilen! Ein unbelehrbarer Altnazi, ein schrecklicher Antisemit, ein brutaler Ehemann, ein widerlicher Vater, dazu ein echter »Radifahrer«, nach oben buckeln, nach unten treten!
Werter Nachwuchs, ich widerspreche dem nicht. Niemand weiß das besser als ich, und niemand hat sich darüber mehr gekränkt als ich. Als »große« Schwester habe ich mich immer für meinen »kleinen« Bruder verantwortlich gefühlt und mich gefragt, warum aus dem lieben kleinen Karli so ein widerlicher großer Karl geworden ist. Glaubt mir, ich habe mir viel Mühe gegeben, den Karl zu ändern. Meine ganze Mühe hat nichts genützt.
Immer wieder habe ich gehofft: Jetzt wird er sich aber ändern! Jetzt wird er endlich zu Vernunft und Einsicht kommen!
Er hat sich nicht geändert. Er ist nicht zu Vernunft und Einsicht gekommen. Er ist stur geblieben. Bis heute habe ich mich damit nicht abfinden können.
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