Bővebb ismertető
Vorwort
Uns, die jetzt in diesem Buch blattern, interessiert so manches nicht, uns interessiert der Rausch des Fliegens nicht, und die mögliche Angst, die einen ergreifen (und mitreissen) kann, sobald man in einem kleinen Flugzeug sitzt, interessiert uns auch nicht, uns interessieren ausschliesslich die Bilder — so wollte ich diesen Text beginnen, aber als ich dann wirklich zu blattern begann, merkte ich, dass es hier um etwas anderes geht, um etwas, das unberechenbarer ist.
Das Buch verführt zum Spiel. Bei dieser lockeren Konstruktion, bei der leichten, beinahe voraussehbaren Thematik (Stadte, Landschaften, Burgen, Kirchen, Gewasser, Verkehr) sind mehrere Spielarten erlaubt; erst recht, weil man uns hier nichts aufzwingen will, uns sozusagen nicht zum Sightseeing einladt, es geht auch nicht um einen sogenannten Lerngang für Geografie-und Geschichtsstunden, und das Buch will weder eine Marktlücke füllen, noch eine Publikation für den Fremdenverkehr sein. (In dieser wiederholt sanften Verneinung mag etwas Generationstypisches liegen — die Autoren sind junge Manner.) Ein Flugzeug ist schnell, dieses Buch ist langsam. Man könnte meinen, es ware gerade Sonntag, zwar Icein Feiertag, aber arbeiten müsste man nicht, Icönnte sich statt dessen auf eine Wiese legen, an einem Grashalm kauen, die Wolken betrachten, Geschichten über die Wolken erfinden, wie man das halt tut, und so ist dieses Buch, nur gerade umgekehrt, weil nicht von untén nach oben, sondern von oben nach untén — sonst aber genauso.
Dem Zeitgeist entsprechend spielen wir mehrere Spiele zugleich. Durch Allerweltsdinge lassen wir uns nicht im geringsten ablenken und lesen daher zunáchst das passende Gedicht von Miklós Radnóti, Ich kann nicht wissen heisst der Titel, und ein Flugzeug spielt auch in diesem Gedicht eine Rolle. Wer mit der Maschine aufsteigt, für den liegt hier untén eine Landkarte. Von dort oben können wir nicht alles erkennen, wohl aber den Moskauer Platz. Wer hátte gedacht, dass die Metrostation von oben so aussieht. Alsó beginnen wir zuerst mit dem Erkennen, dem Erraten. Und sind auf einer Sightseeing-Tour und stellen zufrieden fest, dass es uns wie bei einem Lerngang für Geografie- und Geschichtsstunden zumute ist.
Und wie in einer Hohlstunde. Und wir stellen uns vor, dass wir selbst das Flugzeug steuern. Bestimmt würden wir mit der Zeit in Not geraten. Melde, dass einer der Motorén raucht. Verstanden, aber Sie habén sich nicht darum zu kümmern, mein Freund, Sie habén zu fotografieren. Verstanden. Bis zum letzten Augenblick werden wir Fotos schiessen. Wir sind auf Effekte aus. Aus welchem Versteck unserer Fantasien wir auch gestartet sein mögen, wir werden hier, bei den Bildern landen. Dabei, dass es hier um Bilder geht. Auch diese Bildhaftigkeit ist amüsant, und bei einer gewöhnlichen Stadtaufnahme entdecken wir plötzlich die Wirkung der frühen Kubisten (vielleicht nicht gleich die von Braque, aber doch die von einem seiner Schüler!) und dabei können wir die eigenen Augen beobachten, wie sie — wenn es das jeweilige Bild erlaubt — die konkréten Bedeutungen loslassen (Badacsony, die Teiss, ein Acker), dafür aber die Strukturen erblicken, das Bild hinter dem Bild
Wenn wir dabei etwas erkennen, ist es aus diesem Grund interessant, und wenn wir nichts erkennen, dann aus diesem Grund. Blattere nur, lieber Leser, und siehe da, alles wird Dich interessieren, Stadt, Land, Berg, Tal, Wasser, Radnóti, der rauchende Motor, die Notlandung. Und dann müssen wir nochmals beginnen! Hat uns das erste Mai unsere Fantasie begleitet, werden wir das zweite Mai sachlich sein, falls wir feige waren, werden wir jetzt tapfer sein, falls untalentiert, dann talentiert, wenn beim ersten Mai schwarz-weiss, dann farbig. Oder umgekehrt. Wir verbringen eine angenehme Zeit.
Péter Esterházy