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EINLEITUNG
Vor dreißig Jahren entstand im katholisdien Glaubensdenken eine heftige Reaktion gegen die sogenannte „khssische Apologetik", die einige Jahrhunderte hindurch die theologische Arbeit irmerhalb der katholischen Kirche gänzlich beherrscht hatte. Man wurde sich nicht nur dessen bewußt, in welche sterile Ghettomentalität der beständige Abwehrreflex das katholische Denken abzudrängen drohte, sondern man begann auch zu spüren, daß wohl die bedeutungslose Kärglichkeit der theologischen Spekulation des neunzehnten Jahrhunderts, die zu Formeln erstarrte Glaubensbesinnung tmd die zu rabbinisti-scher Praxis verbürgerlichte Glaubenshaltung in einem ursächhchen Zusammenhang stehen könnte mit der Erschöpfung, der Vemach-lässigimg und dem kulturellen Stillstand in einer sich jahrhundertelang stets belagert fühlenden „Stadt Gottes". Mit Begeisterung änderte man den Kurs hin zu den Quellen des vollen, inhaltlichen Reichtums der christhchen Botschaft. Das Studium von Schrift und Tradition rückte wieder ganz in den Brennpunkt des Interesses, und „Heilsgeschichte" wurde zum Schlüsselwort für Theologie, Verkündigung und Katechese.
Paradoxerweise war es gerade diese Wende, die die katholische Theologie eine von ihr bislang völlig vernachlässigte Dimension des Glaubensdenkens entdecken ließ, mit der die protestantische Theologie schon eine Generation lang in mühsamen Integrationsversuchen gerungen hatte, nämlich die Dimension der „Geschichtlichkeit". In eirügen wenigen Jahren sollte diese neuentdeckte Dimension auf allen Gebieten theologischer Arbeit so viele Fragen aufrufen, daß dadurch die Idee einer „Heilsgeschichte" selbst aufs neue problematisch wurde imd die fundamental-theologische Problematik, sei es auch aus einer gänzlich anderen Perspektive, in den fast exklusiven Brermpunkt des theologischen Interesses und sogar des religiösen Interesses der Gläubigen rückte'.
> Siehe hierüber J. Ratzinger, Heilsgesdiichte und Esdiatologie. Zur Frage nadi dem Ansatz des theologisdien Denkens. — Antrittsvorlesung vor der kath. theol. Fak. Tübingen, 19. 1. 1967.