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Vorwort
„ICH WEISS KEINE ÄNDERE BERGGRUPPE, AN DER ICH SO SEHR HÄNGE "
Der Wilde Kaiser ist ein Gebirgszug der Nördlichen Kalkalpen in Tirol. Er ist der zentrale Teil des Kaisergebirges, das sich aus der größeren, höheren und mächtigeren Kette des Wilden Kaisers und des - wie der Name schon sagt - sanfteren Zahmen Kaisers im Norden zusammensetzt. Beide Bergketten werden durch das Kaisertal im Westen und durch das Kaiserbachtal im Osten voneinander getrennt. Der Wilde Kaiser erstreckt sich zwischen den Zentren Kufstein im Westen und St. Johann im Osten über eine Strecke von etwa 20 km. Die höchste Erhebung des Wilden Kaisers ist die Ellmauer Halt mit 2344 m. Daneben gibt es rund vierzig weitere Gipfel. Soweit einleitend einige wenige Sätze zur Geografie.
Der Autor Fritz Schmitt schrieb 1944 über den Wilden Kaiser: „Ich habe die Alpen kreuz und quer durchstreift, überstiegen und überflogen, aber ich weiß keine andere Berggruppe, an der ich so sehr hänge, deren Anblick mich stets von neuem mit einem Hochgefühl der Freude erfüllt. Ist es das saubere lichte Grau der Felsen, ist es die Eigenart, ja der Adel mancher Berggestalt, ist es der Gesamtanblick aus dem lieblich hingebreiteten Bauernland im Süden oder der von dem Wogenkamm begrünter Vorberge im Norden?"'
So euphorisch und subjektiv, ja vielleicht sogar schwülstig diese Liebeserklärung heute klingen mag, so gültig ist sie im Kern. Ich bin in Schwendt auf der Nordseite des Wilden Kaisers aufgewachsen und hatte den Wilden Kaiser täglich vom Wohnzimmer aus im Blick. Wenn man dort wohnt, wird der Anblick zur Selbstverständlichkeit. Er wird alltäglich und banal. Seit ich nicht mehr dort lebe, verstehe ich Fritz Schmitt viel besser. Jedes Mal, wenn ich wieder dort bin, berührt mich sein Anblick erneut -anders als früher. Der „Koasa" ist einfach nur schön, so kitschig das auch klingen mag.
Im Zentrum dieses Buches steht jedoch nicht mein privater Blick von Norden aus, sondern der von Schmitt beschriebene „Gesamtanblick aus dem lieblich hingebreiteten Bauernland im Süden." Die Dörfer auf der Südseite des Wilden Kaisers - Going,
Ellmau, Scheffau und Söll - haben sich 2006 zum Tourismusverband Wilder Kaiser zusammengeschlossen und die Idee zu diesem Buch angeregt. Der Tourismus ist in diesen Dörfern der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Der Blick dieses Buches richtet sich auf die Geschichte dieser Entwicklungen, die in etwa 200Jahre zurückverfolgt werden können: auf die ersten Sommerfrischler, die ersten Bergsteiger, Wintersportler, Gastronomen, Tourismuspioniere usw. Während der umfangreichen Recherchen zu diesem Buch musste ich bald feststellen, an dem Anspruch, alles abzuhandeln, kann ich nur scheitern. Daher habe ich versucht, einzelne Aspekte zu vertiefen - freilich letztlich nach subjektivem Ermessen. Es gäbe noch so viel(e) Geschichte(n) zu verstehen und zu erzählen! Rasch kam ich auch zum Schluss: Ein Buch mit dem Titel „Wilder Kaiser" wäre mehr als unvollständig, würde es nur die Südseite in den Bhck nehmen. Die touristischen Entwicklungen gingen nämlich zunächst hauptsächlich von Kufstein aus, und auch manch anderer Orte auf der Nordseite des Kaisergebirges steht ebenso am Beginn dieser Entwicklungen, die nur im größeren Kontext verstanden werden können. Die touristische Geschichte der Region ist zudem viel mehr als nur irgendein Stück Tiroler Regionalgeschichte. Das behaupte ich nicht nur, weil ich hier aufgewachsen bin und ein gewisser „Campanilismus" damit unweigerhch einhergehen mag, sondern weil im Wilden Kaiser tatsächlich (neben den Dolomiten) das Fundament des Klettersports gelegt worden ist. Viele dieser Kletterpioniere wie auch der ersten touristischen Erschließer kamen aus München, womit ein Teil Münchener Alpingeschichte und Identität ganz eng mit der Region verknüpft ist. Im Vergleich der Besucherzahlen kommt man jedoch rasch zum Schluss, dass das Klettern zwar für den Mythos Wilder Kaiser bestimmend war, aber nur die wenigsten zum Klettern in die Region kamen und kommen. Andere Faktoren, wie das Wandern oder Skifahren, spielen hier eine größere Rolle, über allem steht jedoch immer die von Schmitt beschworene Schönheit der Landschaft. Wie diese Landschaft zur Tourismusdestination wurde, darum geht es auf den folgenden Seiten. Viel Vergnügen!
Innsbruck im Sommer 2016
Gebhard Bendler
1 Fritz Schmitt: Das Bucli vom Wilden Kaiser, München 1942. S. 13.