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Kehraus
Vorsichtig tastete Karl Grandauer seine immer noch geschwollene Backe ab und kühlte sie mit einer Handvoll Schnee. Dann sog er bedächtig die kalte Februarluft ein, bis er deutlich den Schmerz spürte. Er litt, für jedermann sichtbar, an Zahnschmerzen. Sein leises Aufstöhnen gab auch der Familie Gelegenheit zur Anteilnahme. »Is' ärger worn?« fragte seine Frau Traudl mit einem halb mitleidigen Seitenblick.
Karl nickte dankbar. Sie kannte seine versteckt wehleidige Art, sich dem kleinen Schmerz hinzugeben, nur zu gut und nahm ihn in solchen Fällen nicht allzu ernst; die beiden Buben, Rudi und Maxi, legten schon dieselben Marotten an den Tag. So hatte sich Maxi, der sechsjährige Nesthocker, auch heute wegen Schnupfens vor dem gemeinsamen Sonntagsspaziergang gedrückt und ließ sich zu Hause von der Großmutter im Bett pflegen. Traudl genoß die kräftige Wintersonne an diesem ersten Februar 1933- Die Äste der alten Buchen des Englischen Gartens waren in dicke Schneewatte gepackt. »Des hat der Zuckerbäcker g'macht«; diese liebevollen Worte ihres Vaters, der oft mit ihr und ihrem Bruder Kurt hier am Klein-hesseloher See spazierengegangen war, klangen ihr noch im Ohr. Auf der glitzernden Eisfläche des kleinen Sees zogen modisch gekleidete Damen elegante Kurven und führten den falschen Pelzbesatz von Kragen und Ärmel oder den wärmenden Muff aus Stallhasenfell vor, als gäbe es in Bayern noch Luchs und Biber Die Beine der Herren auf schmalen Kufen umflatterten Knickerbocker, dazu trugen sie Schiebermützen
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