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Erstes Kapitel
Die Sonne stand wie unverrückbar im Zenit und brannte unbarmherzig grell und heiß herab, als die Tagelöhner auf den Värumer Feldern den Lärm kommen hörten. Anfangs scherten sie sich nicht darum, sondern beugten ihre Rücken weiter im gleichmäßigen Takt ihrer Sensenschläge, so daß die Schatten ihrer Leiber wie Pendel über die Erde schwangen. Doch das Geräusch wurde durchdringender, fraß sich durch Müdigkeit und Hitze und erreichte schließlich das Bewußtsein jenes Tagelöhners, der am südlichen Ende des Feldes stand. Er war nackt bis zum Gürtel, und der Schweiß grub Furchen in den schmutzig-grauen Staub seiner Haut. Er hörte auf zu arbeiten und blieb, noch halb gebückt, lauschend stehen. Er kannte diesen Laut. Durchgehende Pferde!
Er ließ mit der einen Hand die Sense los, und da sah er sie auch schon oben auf der Kisumer Höhe auftauchen: ein Wagen, zwei Pferde davor, aber kein Kutscher auf dem Bock. Alle blickten zur Höhe hinauf, die steil zu den Wiesen hin abfiel. Der dunkle Klumpen von Pferdeleibern und Wagen dort oben schoß wie ein Projektil nach vorn, und nun sah es aus, als rutschten die Pferde mitsamt dem Wagen von rechts nach links schleudernd den Berg herunter.
Starr blieben alle auf den Värumer Feldern stehen. Keine Hand rührte sich. Hitze und Müdigkeit waren vergessen. Die sieben Knechte, die dicht am Weg standen, folgten stumm und untätig dem Schauspiel, das sich vor ihren Augen abspielte. Sie waren daran gewöhnt, zu arbeiten und im Schweiß ihres Angesichts zu schuften, aber selbständiges Handeln und entschlossenes Zupak-ken kannten sie nicht.
Sogar Mogens Kam, der Großknecht, stand, ohne eine Miene zu verziehen, hinter den Fudern. Wohl blitzte eine Sekunde lang eine Willensregung in seinen Augen auf, und seine braunen Hände krampften sidi um den Knotenstock, aber dann ging alles viel zu schnell.
Jetzt war der Wagen schon im Talgrund, jetzt raste er am Kaiserhof vorbei. Der Straßenstaub wurde in schweren, grauen Wolken hochgewirbelt, die Erde erklang, ein Dröhnen schwang in der Luft - und nun ging die halsbrecherische Flucht auf den Vä-rumhof zu. Und als das Gespann dort angelangt war, sahen die sieben Knechte am Weg, wer in der Kutsche saß. Alle sieben fuhren erschrocken zusammen, aber ihre Anteilnahme fand nur in einem kleinen, gleichsam schnappenden Kehllaut Ausdruck. Denn keiner von ihnen rührte sich. Es war die Värumer Kutsche mit den beiden Rappen. Die Zügel schleiften hinter den Tieren her, und der Satan saß in ihren Augen. Schweiß und Schaum lagen in weißen glitzernden Flocken auf den Pferden und spritzten bis an die Wagentür, wo der junge Ernst Brammer, der Herr vom Värumhof, sich mit beiden Händen anklammerte. Er hatte wohl versuchen wollen, den Bock zu erreichen, um von dort aus die Pferde in seine Gewalt zu bekommen. Es war Wahnsinn, das konnte jeder sehen.
Jetzt lag er quer über dem Bock. Sie sahen seine weißen Hände, die sich krampfhaft an die Lehne klammerten, während er gleichzeitig mit den Zähnen an den Fußstützen Halt zu finden suchte. Seine Augen starrten in grenzenloser Verzweiflung, und das dichte, flachsblonde Haar klebte ihm an der Stirn. In diesem Augenblick sprang die Wagentür auf. Tief im Fond saß eine Frau mit einem kleinen Kind im Arm.
Sie hatte sich in die hinterste Ecke gedrückt. Die Angst hatte sie völlig gelähmt. Mit der freien Hand hielt sie sich krampfhaft an der Fensterschlaufe fest, und die Füße stemmte sie mit aller Kraft gegen den Rücksitz. Mit dem rechten Fuß hatte sie den Griff der Wagentür heruntergedrückt, in der Hoffnung, herausspringen und den Graben erreichen zu können. Das Kind fing an zu weinen, aber sie selbst brachte keinen Laut über die Lippen. Sie hörte die Tür gegen die Wagenseite schlagen und sah drüben auf dem Feld eine Reihe von Gesichtern vorbeihuschen. Da ging ein Ruck durch den Wagen, und im nächsten Augenblick warfen sich die Pferde nach rechts und stürmten auf einem Seitenweg dem Dorfteidi zu.
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