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WISSENSCHAFTLICHE FORSCHERTÄTIGKEITUND WISSENSCHAFTLICHEVOREINGENOMMENHEITEINE WISSENSCHAFTSGESCHICHTLICHEUND FORSCHERPSYCHOLOGISCHE LEKTÜRE AM BEISPIELVON HERMANN KOLBE*VonF. SZABADVÄRYLehrstuhl für allgemeine und analytische Chemie, Technische Universität, Budapest(Eingegangen den 24. November 1973)Den 27 September 1818 wurde im Pfarrhauso zu Elliehausen HermannKolbe geboren, dessen Beitrag zum Aufbau des imposanten Gebäudes derorganischen Chemie ohne Zweifel sehr bedeutend war. Mit fortschreitendemAlter konnte er mit der Entwicklung der Chemie nicht mehr Schritt halten.,wie dies in den Wissenschaften häufig vorkommt; dies ist sozusagen dasNatürliche. Kluge Leute begnügen sich in dieser Lage ihren alten Ruhmzu genießen und äußern sich nicht darüber was sie nicht mehr verstehen.Nicht so tat jedoch Hermann Kolbe, der 15 Jahre lang Herausgeber des Journalsfür praktische Chemie war. Er stellte sich in den Weg der Entwicklung, undkämpfte dagegen leidenschaftlich. Diesen Kampf übertrug er von den Ideenbald auf die Personen, die Träger der neuen Vorstellungen waren. Im vorigenJahrhundert übte man im allgemeinen schärfere Kritik in der Chemie, alsdies in unserer höflichen Zeit der Fall ist.Kolbes Außeiungen und Kritiken gingen aber auch damals über dasÜbliche hinaus. Er war gewiß eine Zeit lang ein wahrer Schrecken für dieChemiker, übertrieb die Polemik aber bald dermassen, daß seine Schriftenbeinahe schon zur Unterhaltung dienten, und sicher schon deshalb gern undvon vielen gelesen wurden, das den Verkauf der Zeitschrift zum Besten desVerlegers Johann Ambrosius Barth in Leipzig gewiß förderte.Der Lebenslauf von Kolbe läßt sich schnell erledigen, um so mehr dawir einen Nekrolog über ihn besitzen (1), worin sein Leben ausführlich beschrie-ben und seine wissenschaftlichen Verdienste etwas übertrieben gepriesenwerden; er wurde verfaßt von E. von Meyer, seinem Schwiegersohn undNachfolger als Herausgeber. Dieser Nekrolog diente als Grundquelle für mehrerespäteren Schriften über ihn (2). Kolbe studierte unter Wöhler in Göttingenund Bunsen in Marburg, beide große Entdecker und Erfinder, jedoch reinePraktiker. Gegen jedes Theoretisieren hatten sie ausgeprochene Abneigung.Diese Abneigung gegen pure Hypothesen ging auf Kolbe über. Während sichjedoch seine Meister klug abseits von den für die Wissenschaften unentbehrli-* Vortrag gehalten an der Tagung der Sektion für Geschichte der Chemie, GesellschaftDeutscher Chemiker in München, 1972.