1. NeuanfangMarie stand auf, sah sich in ihrem Behandlungsraum noch einmal um. Sie hatte aufgeräumt, mit persönlichen Dingen den Raum ohnehin nie überfrachtet. Undenkbar, jetzt einfach hier fortzugehen, schoss es ihr durch den Kopf! Und prompt musste sie an ihre Patienten denken -Noirot, der scheue Kater, der sich nur von ihr berühren ließ Der alte Müou, der immer knochiger wurde, immer blinder und schwerhöriger; aber wie er sich freute, sie an ihrem Geruch zu erkennen, wenn er kam, damit sie mit ihm seine Ergotherapie machte Milou...
1. NeuanfangMarie stand auf, sah sich in ihrem Behandlungsraum noch einmal um. Sie hatte aufgeräumt, mit persönlichen Dingen den Raum ohnehin nie überfrachtet. Undenkbar, jetzt einfach hier fortzugehen, schoss es ihr durch den Kopf! Und prompt musste sie an ihre Patienten denken -Noirot, der scheue Kater, der sich nur von ihr berühren ließ Der alte Müou, der immer knochiger wurde, immer blinder und schwerhöriger; aber wie er sich freute, sie an ihrem Geruch zu erkennen, wenn er kam, damit sie mit ihm seine Ergotherapie machte Milou und Noirot, sie waren angemeldet für morgen, aber sie würde morgen nicht da sein, wie sollte es gehen ohne sie? - Sie musste sich auf den Schreibtisch aufstützen, weil ihr plötzlich die Kraft fehlte. Sie liebte ihre Patienten, sie liebte ihren Job als Veterinärin! Und jetzt musste sie das alles aufgeben, weil es ja doch so nicht weitergehen konnte, nein, es ging nicht länger!Entschlossen raffte Marie sich auf, verließ das Zimmer. Doch schon im Flur knickte sie wieder ein, verschwand in der Toilette, anstatt direkt bei Sylvain reinzugehen. Zieh es durch, Marie, beschwor sie ihr Spiegelbild über dem kleinen Waschbecken. Und doch kam er hoch, der Schwall der Erinnerung.Der Tag ihres Vorstellungsgespräches. Sie war hier drin gewesen, um sich kurz frischzumachen. Der Mann, dem sie beim Verlassen des Toilettenraums die Tür fast ins Gesicht gerammt hätte. Seine braunen Augen, dieser Blick, voller Bewunderung, aber zugleich voller spitzbübischer Galanterie. Komplizenhaft hatten sie sich zugelächelt. Als hätten sie es beide vom ersten Moment an gewusst.Sie hatte den Job bekommen, natürlich, war jetzt seine Kollegin (und Ludovics; aber der war nur ein harmloser Kollege, der sich aus ihrer ganzen Geschichte dezent raushielt). Ihr erstes Röntgen also; Patient: Brutus, ein humpelnder und gereizter Rottweüer-Dogge-Mischling.Wie viel wiegt der Kerl? (Frage vom erfahrenen Doktor Sylvain an die junge Novizin.)Keine Ahnung, nicht so wichtig. (Keck zurück.)Wie wollen Sie ihn dann zum Röntgen narkotisieren, Mademoi-selle Cadiou? (Mit charmantem Lächeln.)WOANDERS - AM ENDE DER WELT 9
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