Zu diesem BuchDie Sprachwissenschaft ist eine schwierige Wissenschaft - bei Wolf Schneider jedoch ist sie in einer Übersicht von höchster Lesbarkeit dargeboten, von Piaton über Humboldt und Friedrich Engels bis zu Noam Chomsky. Darüber hinaus untersucht das Buch Bereiche, die von der Sprachwissenschaft vernachlässigt werden: die politische Sprengkraft der Wörter; ihre erstaunliche Rolle als Tröster in Not und Einsamkeit; und das traurige Spiel, das viele Zeitungen und Fernsehsendungen, amtliche Bekanntmachungen und Lexika mit der...
Zu diesem BuchDie Sprachwissenschaft ist eine schwierige Wissenschaft - bei Wolf Schneider jedoch ist sie in einer Übersicht von höchster Lesbarkeit dargeboten, von Piaton über Humboldt und Friedrich Engels bis zu Noam Chomsky. Darüber hinaus untersucht das Buch Bereiche, die von der Sprachwissenschaft vernachlässigt werden: die politische Sprengkraft der Wörter; ihre erstaunliche Rolle als Tröster in Not und Einsamkeit; und das traurige Spiel, das viele Zeitungen und Fernsehsendungen, amtliche Bekanntmachungen und Lexika mit der Verständlichkeit von Texten treiben. Dies alles prall von Beispielen aus dem Alltag und Belegen aus Geschichte und Literatur, wobei Christian Morgenstern und Heinrich Böll so wenig fehlen wie Hitler und die Psalmen. Ein Lexikon der Sprachwissenschaft ergänzt den Text und liefert das systematische Handbuch als Dreingabe zur fesselnden Lektüre.1. Wir WortverbraucherWie unsere Ahnen und die Medien uns mit Wörtern fütternKommt, reden wir zusammen.Wer redet, ist nicht tot.Gottfried Benn, Aprestudes (1956)Wir leben nicht nur mit der Sprache wir leben aus ihr und von ihr. Sie formt uns und wir verbrauchen sie. Ein einziges Wort zu erfinden, ist den wenigsten gegeben: Wir alle zehren von der Phantasie unserer Vorfahren; ihren Glauben und ihren Aberglauben, ihr Denken, Fühlen und Wissen, ihre Ängste und ihre Freuden hat die Sprache gespeichert über zehntausend Generationen hin.Viel zu kurz wäre die Spanne eines Menschenlebens, um nur einen Bruchteil dieses unermeßlichen Erfahrungsschatzes anzusammeln; wie umgekehrt keines Menschen Kraft imstande ist, sich die Last der Torheiten und Widersprüche von der Brust zu wälzen, die in der Sprache versteinert sind, von unaufgelösten Resten längst abgestorbener Gedanken, auch von ungereimten Regeln, von sinnlosen Ausnahmen und Ausnahmen der Ausnahmen'. Die Macht der Wörter ist die am stärksten konservative Kraft in unserm Leben, stellen die englischen Sprachforscher Ogden und Richards fest, nicht ohne hinzuzufügen: Zehntausende von Jahren sind vergangen, seit wir keine Schwänze mehr haben, aber wir bedienen uns noch immer eines Kommunikationsmittels, das für die Bedürfnisse des auf Bäumen hausenden Menschen entwickelt wurde.^Naiv und frohgemut wälzen wir Wortmumien auf der Zunge. Porzellan: wieviel abgestandene Geschichte, wieviel Sprunghaftigkeit und Irrtum steckt allein in diesen Silben! Einst verkleinerten die Italiener das lateinische porcus (Schwein) zu porcella (Schweinchen). Später machten sie daraus ein Vulgärwort für Vagina. Die Venezianer sprangen von dieser Bedeutung über auf ein neues Bild: Nun sollte auch die Meermuschel porcella heißen. Als die ersten chinesischen Keramiken in Venedig ausgeladen wurden, nahmen die venezianischen Kaufleute fälschlich an, das edle Geschirr sei aus zerpulverten weißen Meermuscheln hergestellt. So nannten sie das Material, nach Muschel, Vagina und Schweinchen, porcellana. Und dieser Name eroberte das Abendland!
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