Bővebb ismertető
fjr: Herr Biermann, Ihre neue Platte - letzten Endes eine Art Buch - hat den aggressiven Titel »Eins in die Fresse, mein Herzblatt«. Und Günter Kunerts neuer Gedichtband hat das Gegenklima schon im Titel: »Abtötungsverfahren«. Zeugt das für zwei verschiedene Angänge, Umgänge mit Erfahrung? Sie beide haben sehr ähnliche Erfahrungen in beiden Deutschländern, der eine rausgeschmissen, der andere gegangen worden. Aber bei Biermann doch so ein Biß in die Gegenwart, in die Aktualität hinein; eine kämpferische, zum Teil wütende, zum Teil - wenn ich an das Dutschke-Gedicht denke - sehr traurige, aber immer aktuelle Auseinandersetzung mit Wirklichkeit. Bei Kunert nicht erst jetzt, aber vor allem im neuen Gedichtband ein düsterer Ton, fast abgestorben. Zufall oder Konzept? biermann: Ihre Frage kann man in zwei Schichten beantworten. An der Oberfläche mag es so sein, wie Sie es von den Titeln ablesen. Wir beide waren in diesem Punkt auch schon in der DDR verschieden. Wenn Sie aber diese beiden Haltungen, wie auch diese beiden Titel, dialektisch lesen, dann enthalten sie ja beide auch ihr Gegenteil in sich selbst; denn Kunert überlebt ja, indem er »Abtötungsverfahren« schreibt. Und Kunert bewahrt sich ja vor der Verzweiflung, indem er seine Verzweiflung artikuliert. Kunert erscheint bei oberflächlicher Betrachtung als der Verzweifelte, der völlig Niedergebeugte - und »kehre, woher ich kam«. Aber ich kenne ihn ja ein bißchen besser... kunert: ... bitte, bloß nicht: als er sich selber... biermann: Nein, nein, nein, obwohl auch das passiert. Über sich selbst kann man sich ja unheimlich irren. Aber er ist ja auch ein Schelm. Er hat ja nicht diese triefende, selbstmitleidige Traurigkeit... fjr: Davon war auch nicht die Rede...