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EinleitungDas Schweizer Dorf Zizers liegt anmutig am Fuß hoher Berge, deren Gipfel das ganze Jahr hindurch mit Schnee bedeckt sind. Vom Chur ist es nur eine kurze Strecke: Ein Lokalzug benötigt dafür nicht mehr als eine Viertelstunde. Schon von der Ferne sieht man die große, grüne Kuppel des Johannesstiftes. Hier wohnt seit 1962 Zita, die letzte Kaiserin der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Sie hat sich nach einem langen und bewegten Leben, in dem Höhen und Tiefen einander rasch abwechselten, nach Zizers zurückgezogen. Kaum 19 Jahre, heiratete sie 1911 Erzherzog Karl, den zweiten in der Reihe der Thronfolge. Der alte Kaiser Franz Joseph war bei der Hochzeit Ehrengast; der Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, befand sich in der Blüte seines Lebens, so daß niemand erahnen konnte, daß das junge Paar bald auf den Thron gerufen würde. Aber fünf Jahre später waren sowohl der Kaiser als auch dessen Thronfolger tot, und Zita, 24 Jahre alt, wurde Kaiserin eines großen Reiches, das in einem furchtbaren Krieg auseinanderzufallen drohte. Wieder fünf Jahre später war sie in der Verbannung, verwitwet und bei der Erziehung ihrer acht Kinder, von denen das jüngste seinen Vater nie gekannt hat, ganz auf sich gestellt. Aber, wie dieses sich erinnert: Meine Mutter hat nie geklagt . . . Mutters Liebe ersetzte uns das verlorene Elternhaus." Bei der Erziehung der Kinder mußte sie davon ausgehen, daß der älteste Sohn einmal auf den Thron berufen werden könnte, um jene Aufgabe auf sich zu nehmen, für die er nach ihrer Überzeugung vorbestimmt war.Die Verbannung führte sie über die Schweiz nach Madeira Lequeitio (Spanien) und nach Belgien. Im Mai 1940, als die Deutschen Belgien besetzten, war sie genötigt, wieder fortzuziehen; diesmal mußte sie Europa verlassen und in Kanada ein neues Zuhause aufbauen. Nach Ende des Krieges setzte sie sich mit großer Energie für jene Länder ein, in denen sie einst Kaiserin gewesen war. Eine von ihr organisierte Sammelaktion hat in den Jahren zwischen 1945 und 1949 viel Leid lindern können.Wieder zurück in Europa, hat sie die Genugtuung erlebt, ihre Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Diese kommen oft und gern zu ihr, und wie von selbst kommt man dann in Gesprächen zurück auf frühere Zeiten, in denen sie eine Rolle gespielt und auf die Personen, die sie persönlich gut gekannt hat - und die damals schon lange der Geschichte angehören -Kaiser Franz Joseph, Kaiser Wilhelm II., führende Politiker und bekannte Gelehrte. Eine Autobiographie wollte sie nicht schreiben. Lange Zeit hat sie außerhalb des engsten Familienkreises nicht sprechen wollen über das, was sie mitgemacht hat, über ihre Erfahrungen während der Regierung ihres Mannes und der mühseligen Jahre danach. In den Jahren 1967 bis 1975 hat sie ihre Erinnerungen an die damalige Zeit festhalten lassen, zuerst durch den britischen Journalisten Gordon Brook-Shepherd, hierauf durch den Wiener Publizisten Erich Feigl. So konnten diese Autoren eine Anzahl von neuen Fakten veröffentlichen, die das Bild, das wir von dieser bewegten Periode aus der jüngsten Geschichte Österreichs haben, verdeutlichen und korrigieren. Später hat sie diese Erinnerungen aus Anlaß ihres achtzigsten Geburtstages noch einmal in einem einzigartigen Filmdokument zusammengefaßt, das vom österreichischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. In dieser Sendung erzählte sie - lebendig und schön formulierend - über ihre Jugend, ihre Hochzeit mit dem späteren Kaiser Karl, über die früheren politischen Störungen und über ihre Sorgen um die Erziehung ihrer Kinder in einer völlig veränderten Welt nach 1918. Dieses Fernsehdokument hat großen Eindruck gemacht, gewiß auf die jüngere Generation in Österreich, die dadurch ein ganz anderes Bild von der früheren Kaiserin erhalten hat, als sie es von Zeitungen und Zeitschriften her besaß. Darüber hinaus wurden auch Zeugnisse von Zeitgenossen im Lauf der Jahre veröffentlicht, die das Bild aus diesen Erinnerungen ergänzen, außerdem gibt es viele Bilder, die von ihr seit der Geburt bis ins hohe Alter hinein unter verschiedensten Umständen gemacht wurden. Man sieht sie als junges Mädchen reifen, zu einer strahlenden, jungen Frau mit prächtigen Haaren und dunklen, warmen Augen. Sie zeigen auch eine einfühlsame, reservierte, eben verlegene Frau mit einem entwaffnenden Lachen.7