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Zur Entstehungsgeschichte der romantischen MusikphilosophieVon DÉNES ZOLTAI (Budapest) Welch ein AugenblickO Gott, o welch ein Augenblick!(Beethoven: Fidelio)Es ist tatsächlich ein großer Augenblick, wenn die Ketten fallen, die ungerecht Eingekerkerten und Gequälten befreit weiden, wenn der Mensch - der zu Taten bereite, empfindende und denkende Mensch - aus der tiefen Dunkelheit des Verlieses ans Tageslicht tritt. Dieser Augenblick ist das große Thema der Freiheitsopern. Mindestens seit dem Orfeo" Monteverdis wird er von der jeweiligen Ars nova, mit ihrem in Material und Form neuen musikalischen Gestus - bewugt oder unbewußt - vorweggenommen. Im Fidelio" ist dieser Augenblick der Befreiung, vom Hornsignal eingeleitet, in das strahlende Licht des Erwachens und des Aufbruchs getaucht.In meinen früheren Schriften versuchte ich darzulegen, auf welche Art die aufgeklärte Affekttheorie zu diesem Emanzipationsprozeß - überwiegend bewußt - ihren Beitrag leistete, wie ihre wechselvolle Kolumbus-Fahrt in eine neue Welt der Musik, zur Kunst der befreiten Innerlichkeit, verlief und auf welche Weise sie zugleicli Opfer des heroischen Selbstbetrugs der bürgerlichen Ideologie vor der Revolution wurde. Diese Entdeckungsreise - von Grocheo bis Grétry - endete nämlich genausowenig in dem erträumten Indien, sondern nur" an den Ufern Amerikas wie die des Kolumbus. Denn am nächsten Tag nach dem großen Augenblick, nach der theoretisch reflektierten Entdeckung beginnet nämlich der Reichtum im Meere"', und es beginnt die Verarmung an den gerade erst erblickten Ufern, in der gehaltvollen Innerlichkeit. So sehen die ersten neuen Schritte in die bürger-lich-prosaische Epoche aus.Auch die Lehre von den Affekten war kreuz und quer von ideologischen Illusionen durchwoben. Wie sehr auch der Stuim auf die Bastille und das ihr musikalisch äquivalente Hornsignal den Aufbruch markiert, wie schnell auch der Thermidor da ist, dann der die Marseillaise umfunktionierende Kaiser und der aus der Völkerschlacht hervoikriechende Kongreß, der tanzte, während er die als heilig" bezeichnete Allianz gründete, wie bald auch der Sieg und die Weltmacht der Großbourgeoisie dem Selbstbetrug ein Ende setzen -in jenem welthistorischen Augenblick sind die Jakobiner-Illusionen nicht nur heldenhaft, sondern auch wahr.2 Ihre Wahrheit ist innerhalb der Sphäre der Kunst und insbesondere m der Musik unbestritten.Im folgenden möchte ich meine Arbeitshypothese ausführlicher unter Beweis stellen, daß der widersprüchliche bürgerliche Inhalt der nachrevolutionären Epoche in der Musik in adäquatester Form heraufbeschworen werden konnte: Die Musik war das ausgezeichnete Medium, in dem das Licht des großen Augenblicks nicht erlosch und als Fackel im Dunkeln -sveiterleuchtete. Als Vorwegnahme dieser Beweisführung reicht hier vielleicht ein1F. Hölderlin: Andenken. In: Hölderlins Werke in zwei Bänden. Berlin/Weimar 1965. Bd. 1. S. 2722Jede neue Klasse ist genötigt, . . . ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d. h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben Die revolutionierende Klasse tritt von vornherein, schon weil sie einer Klasse gegenübersteht, nicht als Klasse, sondern als Vertreterin der ganzen Gesellschaft auf, sie erscheint als die ganze Masse der Gesellschaft gegenüber der einzigen, herrschenden Klasse." Dazu die Randbemerkung von Marx: Die Allgemeinheit entspricht der Illusion der gemeinschaitlichen Interessen (im Anfang diese Illusion wahr) " (K. Marx/F. Engels: Die deutsche Ideologie. In: K. Marx/F. Engels: Werke. Bd. 3. Berlin 1962. S. 47 f.)1391