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VORWORT
Seit einiger Zeit ist das Wort „Mythus" aus seinem engeren ursprünglichen Anwendungsgebiet in den Sprachgebrauch des täglichen Lebens gedrungen. Man liest in der Zeitung von einem „Exportmythus", dem „Autarkiemythus" und eine Geschichtsdeutung zur Fundierung der national-sozialistischen Volksbewegung nennt sich „der Mythus des 20. Jahrhunderts". Meist wird dabei das Wort Mythus in dem Sinne einer Vorstellung, eines Programms angewendet, welche bei schärferem Zusehen als Nebel und Dunst sich verflüchtigten. Der Mythus wird an der Wahrheit gemessen und zu leicht befunden. Seinen phantastischen Übertreibungen und Übersteigerungen sucht man den wirklichen Tatbestand gegenüberzustellen. Aber wenn von der Wahrheit nicht irgendwie ein Reiz ausgeht, wird man sie in der Regel vergeblich predigen. Wunschbilder und Mythen sind aus ähnlichem Stoff und können nur durch andere Wunschbilder und Mythen bekämpft werden. Irgendwie scheint also der Mythus unvermeidlich zu sein und einen eigenen Geltungsanspruch — wenngleich einen solchen ganz anderer Art als die Wahrheit — zu haben. Es ist dies der allen anderen Geltungen vorangehende Geltungsanspruch der psychischen Präsenz, der jeweiligen Gegenwartsganzheit, die als der Vollzug des Lebens selber allen daran sich knüpfenden Ordnungsund Deutungstendenzen präexistiert. Nichts kann vorweggenommen werden. Die Gegenwart ist immer irgendwie neu und darin wunderbar und inkommensurabel. Jede Gegenwart ist Trägerin einer Bedeutung, in der Erfüllung, Sinngebung, Übertreibung dicht beieinander liegen. Ihre Vereinigung in dem Worte „Mythus", in einem erweiterten Begriff des Mythus, ist in diesem Buch versucht worden.
Daraus ergibt sich dann ein Aspekt der menschlichen Gesittung und Kultur, also der großen geschichtlichen Auswirkungen unseres Wesens, der sowohl von dem ge-