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Der Blick zurück
D
as Thema unseres Buches lautet: Alltag vor tausend Jahren. Wobei wir, um den intendierten Zustand wirklich fassen zu können, im Zeitraum ziemlich weit ausgreifen müssen, nämlich viel länger als ein Jahrzehnt oder selbst ein Jahrhundert.
Es geht um Deutschland im Hochmittelalter. Hier befinden wir uns vor der Notwendigkeit zu einer exakteren Bestimmung und Definition. Das Mittelalter ist kein sehr fest umrissener Begriff; gemeinhin bezeichnet er, jedenfalls in der europäischen Geschichte, die Epoche zwischen Antike und Neuzeit, und die reicht in etwa von der Völkerwanderung bis zur Epoche von Renaissance und Reformation.
Der Begriff wurde von den Humanisten geprägt, Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts; sie waren der Meinung, diese „dunkle" Epoche sei durch einen Verfall von Kultur und Bildung gekennzeichnet und hebe sich dadurch von der kulturellen Blütezeit der Antike auf der einen Seite und der Wiedergeburt der antiken Traditionen in der Renaissance auf der anderen deutlich ab. Solche negative Beurteilung haftete an dem Mittelalter-Begriff noch bis ins Zeitalter der Aufklärung, und erst die Romantik rückte davon ab. In die Romantik fallen zugleich der Beginn von geschichtswissenschaftlicher Forschung und Darstellung, wie sie uns heute geläufig sind. Uns geht es um das sogenannte Hochmittelalter, genauer: den Zeitraum von der Mitte des 10. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, noch exakter: von 962 bis 1250. Das erste Datum ist das Jahr, da man Sachsenkönig Otto 1. zum Kaiser krönte, und 1250 starb auf Sizilien der letzte Hohenstaufer-herrscher, Friedrich II.
Unsere zeitliche Eingrenzung ist einigermaßen willkürlich und deswegen anfechtbar, außerdem werden wir wiederholt über diese selbst gesetzten Grenzen hinaus greifen müssen. Wir haben uns dennoch zu ihnen entschlossen, da irgendeine Einordnung unumgänglich war. Jedenfalls fällt in diese Zeit die allmähliche Herausbildung jener ethnischen Gemeinschaft, die man die Deutschen
nennt, und es lassen sich die Umrisse des Territoriums nachzeichnen, das sie bewohnen. Die beträchdiche Faszination, die das Mittelalter seit mehr als zweihundert Jahren (bei wechselnder Intensität) auf das deutsche Lesepublikum ausübt, ist ein noch wenig untersuchtes Phänomen. Die deutschen Romantiker Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder, die bei einem studentischen Reitausflug von Erlangen ins Muggendorfer Gebirge, das heute Fränkische Schweiz heißt, die verschüttete Schönheit der alten Stadt Nürnberg für sich entdeckten, waren zunächst bloß auf ästhetische Alternativen zum etwas steril gewordenen Antikekult der Weimarer Klassiker aus. Die Tatsache, dass jenes Volk, dem sie selber entstammten, eine im Wortsinn bemerkenswerte Geschichte besitze, erkannten sie nicht als Erste, doch waren sie gewillt, dieser Geschichte einen anderen Rang beizumessen. Fortan nährte sich das deutsche Nationalgefühl, das schon sehr viel früher existierte als der zugehörige Nationalstaat, aus solcher Art von Vergangenheitsbetrachtung, und zumal die Ereignisse des deutschen Hochmittelalters boten ihm einigen Anlass zu Bewunderung und Stolz. Die schöne Literatur nahm sich der Sache an, neben der akademischen Geschichtsschreibung. Die anhebende Denkmalpflege wandte sich den architektonischen Zeugnissen zu. Jacob Grimm, einer von zwei märchensammelnden Brüdern, kümmerte sich um den im Mittelalter gesprochenen deutschen Dialekt und war den in dieser Sprache verfassten Dichtungen auf der Spur. Das Mittelalter okkupierte den Inhalt von Romanbüchern, und zwar nicht nur von denen unbezweifelbarer Hochliteraten wie Friedrich von Hardenberg, der sich Novalis nannte, sondern auch von denen aus der Feder vergleichsweise trivialer Autoren. Das Mittelalter erklomm die Theaterbretter in der Gestalt pathetisch skandierender und übertrieben kostümierter Darsteller von Rittern und Königen, und es bedeckte al fresco die neu verputzten Wände historischer oder historisierender Gemäuer.