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Vorwort der Herausgeberin
Keramik begegnet uns heute in allen Lebensbereichen, ohne dass ihr noch größere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der Vielseitigkeit des keramischen Stoffs bedienen sich Industrie und Handwerk, Medizintechnik und private Haushalte in gleicher Weise. Keramik ist zur Selbstverständlichkeit geworden, wo immer sie zum Einsatz kommt.
Als keramische Sonderformen scheint man heutzutage nur das wahrzunehmen, was ohne wirklichen Nutzen zur Dekoration der eigenen Lebenswelt dient. Man begegnet solchen Objekten vor allem in Bau- und Gartenmärkten, in denen die Angebote lebender Pflanzen mehr und mehr verdrängt werden von Legionen keramischer Tiere, Elfen, Gnomen und Zwerge, die - glasiert oder unglasiert - darauf warten Haus- und Schrebergärten zu erobern, um dort ruhende Kontrapunkte zur Dynamik der Natur zu bilden, ja diese immer mehr aus ihrem angestammten Bereich zu verdrängen.
In früheren Zeiten aber waren keramische Objekte zunächst mehr oder weniger Nutzgeräte, in erster Linie Gefäße, die der Ver- und Entsorgung, aber auch dem Transport lebenswichtiger Dinge dienten, wobei lediglich Unterschiede in Größe, Form, Materialdichte und -härte das Gefäßspektrum bereicherten.
Der Einsatz von keramischen Produkten im Bauwesen wie Backstein, Dachziegel und Bodenfliesen kam nach antikem Vorbild hinzu und wurde je nach dem Angebot regionaler Alternativen spätestens seit dem Spätmittelalter ebenso selbstverständlich wie die Ofenkeramik.
Sonderwege in der Keramikherstellung waren eher selten und wurden damals entsprechend wahrgenommen, ganz gleich, ob es sich um ungewöhnliche Nutzungen oder außerordentliche Formen keramischer Produkte handelte. In diesen Themenkreis gehören etwa die Schalltöpfe in Fußboden und Wand der Stiftskirche im sauerländischen Meschede zur Klangverbesserung im Kirchenraum. Dazu zählen auch die kleinen Figuren, die alleine oder in Gruppen Weltgeschichte ins traute Heim brachten.
Es ist allzu verständlich, dass keramische Sonderwege auch den Wissenschaftler mehr faszinieren als die Auseinandersetzung mit endlosen Reihen von Alltagsgerät. Und man ist schnell mit der Publikation der »Sonderlinge« dabei. Aber über die Einzelbetrachtung hinaus fehlte bislang eine umfassende Bewertung des Phänomens.
Es ist das Verdienst des 37. Internationalen Hafnerei-Symposiums, diese Zusammenschau gewagt zu haben. Stellvertretend für die vielen Akteure, die zum Gelingen dieser Tagung beigetragen haben, möchte ich zwei besonders herausheben: Werner Endres, den langjährigen Vorsitzenden des Arbeitskreises für Keramikforschung, und meinen Kollegen Hans-Werner Peine, der bereits zum zweiten Mal das Hafnerei-Symposium nach Westfalen geholt hat. Ihnen und allen Mitstreitern gilt mein ganz herzlicher Dank.
Finanziert wurden das Symposium und der Tagungsband vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, dem Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen und mit Geldern des Arbeitskreises für Keramikforschung.
Die große Teilnehmerzahl und die vielen Referate und Diskussionsbeiträge haben den Veranstaltern Recht gegeben, ein als wichtig angesehenes Thema der internationalen Keramikforschung ausgewählt und zur Diskussion gestellt zu haben. Die notwendige Konsequenz daraus war, die wissenschaftlichen Beiträge der Tagung so schnell wie möglich auch der Öffentlichkeit vorzustellen. Ich freue mich, dass dieses Ziel in annehmbarer Zeit erreicht werden konnte.
Ich wünsche der Publikation große Beachtung bei Fachleuten und Laien sowie Anregungen für weiterführende Forschungen auf diesem Gebiet. Denn keramische Sonderformen werden, solange ausgegraben wird, auch in Zukunft immer wieder ans Licht kommen und Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung bleiben.
Gabriele Isenberg, Direktorin der LWL-Archäologie für Westfalen Münster, im Juli 2007