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Echte Bilder aus einem falschen Schauspiel
Seit 1975 streift er, vorzugsweise abends und nachts, durch die EinkaufsstraBen der GroBstadte, mai London, mai München, mai Hamburg, mai New York, die Kamera auf Schaufensterpuppen, nackte und bekleidete, gerichtet, dann und wann bedrangt von Ordnungskraften (vorübergehende Festnahme einge-schlossen), die Spionage oder Voyeurismus wittern. Tausende von Fotos hat Heinz Schubert so geschos-sen, Fotos aus dem Alltag unserer Schaufenster, Bilder von der alltSglichen Inszenierung des Verkauf-lichen.
Das sind seine Bildmotive: die aus Kunststoff »stoB-und schlagfest« geformten Figuren, begehrenswert ausgestattet als Schöne, Dynamische, Erfolgreiche, allesamt jung, flott und glücklich, allesamt schlank und gesund, die Kaufbedürfnisse weckenden und un-sere Sehnsüchte stimulierenden Mittler zwischen Produkthersteller und Konsument, die da sind, um uns den Wunsch nahezulegen, auszusehen und zu sein wie sie. Tauschungen und Illusionen.
Mit seinen Fotos lenkt Heinz Schubert den Blick auf diese optimistischen Inszenierungen und ihr heiles Inventar, holt sie nah heran, verlebendigt ihre Gestal-ten in GroBaufnahme, indem er selbst erst einmal und scheinbar der Illusion aufsitzt und sie uns weiterreicht.
Der zweite Blick auf diese Fotos verrat, dafl Heinz Schubert mit der Wahl des Ausschnitts darauf aus ist, in der Theatralik die TrivialitSt auszumachen, den illusionaren Charakter aufzudecken. Unter dem ele-ganten Gewand wird die Nahtstelle am Puppenrumpf sichtbar; Farbe platzt vom Körper ab; in der Mitte des Nackens ist eine stahlerne Aufhangevorrichtung ein-gelassen; das Auge bleibt an Kennziffern haften; das unpassend angebrachte Preisschild steht unverhofft der Identifikation ím Weg: Bruchstellen, die die Absur-ditat dieser verlockenden Inszenierungen enthüllen.
Dann sind da noch die Fotos aus dem ProzeB des »Umrüstens«. Nackt oder halbbekleidet, auseinander-genommen, gelegentlich in grotesken und surrealen Stellungen und Anordnungen hangén und liegen die Puppen in ihrem kahlen Gehege herum, vollends auf die Absurditat ihrer Existenz verweisend. Heinz Schubert stellt ihren synthetischen Charakter aus.
Er desillusioniert mit diesen Fotos, jedoch nicht ohne selbst von der Verführungskunst der Arrange-ments auBerordentlich fasziniert zu sein. Aber in dieser Faszination mischt sich immer schon die Skepsis, ín die Bewunderung der Schauder.
Ein dialektisches Verhaltnis zum Motiv? Seine Herkunft vom Theater verleugnet er nicht; sie hat ihm offenbar den Blick erst recht gescharft, und seine Herkunft von Brecht, die verleugnet er ebenso wenig: Kulinarisches und Fremdheit, Faszination und Distanz.
Distanz bleibt auch in einem sehr direkten Sinn gewahrt. Zwischen der Linse und den Modellen ist das Schaufenster. Nie kriecht er hinein in die Dekora-tionen, stets bleibt er drauBen wie einer von uns. Und nie greift er in das Arrangement ein; seine Fotos sind in keiner Weise gestellt. Seine Optik ist auch unsere Optik. Nur daB wir achtlos sind, wo er auf-merkt, ins Fiebern gerat, Illusion und Desillusionierung ins Bild holt.
Die Fotos von Heinz Schubert lassen mich immer wieder an Modefotos aus den 30er Jahren und an Standfotos aus altén Hollywoodfilmen denken, vor allém an Horst P. Horst und George Hoyningen-Huene, an Standfotografen wie Scotty Welbourne von den Warner Brothers, Ernest A. Bachrach von RKO Radio und A. L. »Whitey« Schafer von Paramount.
Da werden Mannequins und Filmstars durch das Arrangement (Inszenierung), das Ambiente (Bühnen-bild) und die Beleuchtung aus der Wirklichkeit heraus-geholt, werden ganz artifiziell gemacht, gerinnen zu Wachs und Kunststoff: Traum- und Trugbilder, makel-los, sauber, vorbildlich, zu Puppen gewordene Idolé.
»Ich treffe oft Leute«, hat Heinz Schubert einmal geauBert, »die aussehen wie Schaufensterpuppen, und Schaufensterpuppen, die aussehen wie Leute.« Mit seinen Fotos demonstriert er, wie modische Leit-bilder - zum Beispiel Stars und Mannequins - nun tatsachlich zu konsumfördernden Püppchen gewor-den sind, denen wir noch immer aufsitzen.
Da zeigt sich: Heinz Schuberts Interesse an diesen künstlichen Figuren, seine kritische Zuneigung, ist ein Interesse am Menschen, dessen Glücksverlangen und dem Scheitern der falschen Hoffnungen.
Wo die synthetischen Hollywood- und Modefotos, so auBerlich schön und frappierend sie auch sein mö-gen, zudecken, deckt Heinz Schubert auf.