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VorwortVom Ungarnkönig Matthias Corvinus, der inden Sagen und Liedern seines Volkes bis heutelebendig ist, wird eine für sein Wesen sehr be-zeichnende Geschichte erzählt. Sie spricht nichtnur von der Zuneigung, die das Volk diesemRenaissancefürsten entgegenbrachte, sondernauch für die Achtung, die er vor dem Werk deseinfachen Mannes empfand.Der König liebte es, bisweilen fernab vonden Zentren seines Reiches Hof zu halten. Dannregierten vor der Politik die Musen. Aber auchdie Freuden der Tafel kamen nicht zu kurz.Wenn es die Gelegenheit so mit sich brachte,zechte und schmauste man vom hellen Morgenan. Eines Tages - die fröhliche Gesellschaftweilte auf einem Jagdschloß im Norden desLandes, gar nicht so weit von Tokaj - fiel esdem König ein, die vom Wein leicht angereg-ten Herren seines Gefolges zu einem Spazier-gang ins nahe gelegene Rebland einzuladen.Die fröhliche Schar war bald mitten unter denWinzern und beobachtete zunächst interessiert,bald aber zunehmend gelangweilt das harteWerk der Leibeigenen. Matthias schien das nichtwahrzunehmen. Er zog einen Bauern ins Ge-spräch, ließ sich von ihm die Arbeit erklärenund nahm kurz entschlossen selbst die schwereHacke, um in kraftvollem Schwung den harten,trockenen Boden aufzubrechen. Mehr noch:mit einladender Bewegung forderte er seineBegleiter auf, ebenfalls Hand anzulegen. Dagab es freilich verlegene Gesichter und rechtunglückliche Figuren. Aber keiner konnte sichausschließen. So sah man alsbald eine merk-würdige Winzerkolonne im höfischen Gewanddie Hauen rühren. Die so unerwartet ihrer Ge-räte ledigen Winzer standen etwas verwirrt da-bei. Doch bald überwog heimlicher Spott ihreUnsicherheit. Denn gar zu komisch stelltensich die Herren bei ehrlicher Arbeit an. Dieaber bemerkten das verhohlene Lachen, und sofügte die fliegende Hitze des Zornes dem Schweißder ungewohnten Mühe noch manch beson-ders heißes Tröpfchen hinzu. Aber der Königspürte von alledem scheinbar nichts. In ruhi-gem Rhythmus führte er sein Werkzeug, wäh-rend die Schläge seines Gefolges immer lang-samer, immer schwächer fielen. Für die flehen-den Blicke hatte der sonst so Aufmerksamekein Auge. Es blieb den Herren nichts anderesübrig, als unter Ächzen und Jammern mehrschlecht als recht mitzutun, bis der König sichanschickte, Feierabend zu machen. Mit zittern-den, wunden Händen wankten sie beiseite. Wasihr Herrscher ihnen als Lehre dieses Tages mit-gab, ist uns in einem ungarischen Gedicht über-liefert:Ein hartes Ding, Ihr Herren, ist der Grund;Wer ihn bestellt,Begießt ihn mit dem Naß,Das ihm vom Antlitz fällt.Drum merkt Euch: Wenn Ihr trinkt,So ist's nur recht,Daß Ihr dabei
sprecht.Wir wissen nicht, wie lange die Betroffenendiese Erinnerung bewahrten. Möglicherweiseverging sie schneller als die Blasen an den Fin-gern. Aber das ändert nichts daran, daß Mat-thias sehr nachdrücklich - und nachhaltig - einejener Grundwahrheiten demonstrierte, dieauch wir Heutigen nur zu oft vergessen. Siegilt nicht nur vom Weinbau.Aber der ist ja unser Thema - durchaus indem Sinn, den die Worte des Gedichtes zumAusdruck bringen. Im Mittelpunkt unsererÜberlegungen soll das Werk jener Menschenstehen, die den Weinstock zum.Gedeihen brin-gen und den Saft seiner Trauben in gutes Ge-tränk verwandeln. Doch ist das der einzigeWert, den ihre Arbeit schafft? Muß man denKreis der Betrachtungen nicht viel weiter zie-hen, um all jenes zu würdigen, was direkt odermittelbar ihrem Werk entsprang? Denken wirnur an die Fülle der Legenden und Mythen, andie Werke der bildenden Kunst und der Lite-ratur, die das Motiv des Winzerfleißes und sei-ner Früchte in vielfältiger Variation gestaltethaben. Mancher entsinnt sich wohl auch, daßdie Wissenschaft vom Wein einiges profitierthat: Der Mann, der die Geheimnisse der Gä-rung entschleierte, ist mit dem Nobelpreis aus-gezeichnet worden. Aber wer kann sich schonvergegenwärtigen, wie die Rebkultur das Le-ben jener formte, die sie pflegten und weiterverbreiteten, wie diese Menschen selbst wiederWissen sammelten, um den Weinbau zu ver-bessern, und in welcher Weise sich das Geden-ken an solche Taten in ihren von Generationzu Generation weitergetragenen Überlieferun-gen niederschlug?Im folgenden wollen wir versuchen, aus derWeite dieses Widerhalls einige dominante Töneherauszufiltern. Dabei werden wir uns zunächsteinmal in Zeiten zurückversetzen müssen, diesich der schriftlichen Überlieferung entziehen.Von dort an wird unser Weg die Rebe beglei-ten über alle Erdteile hin. Wir werden sie auchim Weinberg besuchen und dem Winzer beiseiner Arbeit Gesellschaft leisten, vom Hak-ken im zeitigen Frühling bis zur Lese imHerbst. Und am Schluß soll das Kellerstudiumstehen. Unser Weinlager ist gefüllt mit man-cherlei Sorten mancherlei Alters aus mancherleiLändern.Doch genug der Vorrede. Es ist Zeit, aufzu-brechen ins Rebland. Wer eine gute Flasche hat,der nehme sie mit. Ein edler Tropfen hilft auchbeim rechten Nachdenken.