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Marie Luise KaschnitzAuf eine lebendige ArtDie Straßen der Stadt Darmstadt sind zu lang, zu gerade, zu eintönig, außer dem Schloß, dem weißen Turm, der Orangerie und der Mathildenhöhe gibt es keine Augenweiden, aber auch nichts interessant Häßliches oder gar Verworfenes, dafür viel neuen trostlosen Warenhausstil, Hausfrauen mit Plastiktüten, und oft ist der Chinese" der einzige Trost. Erstaunlicherweise ist aber der genius loci von Darmstadt trotzdem kein Langweiler. Er ist gastfrei, neugierig, kritisch und witzig und lädt sich gern Gäste, neugierige, kritische und witzige, in sein farbloses Haus. Mit den Jugendstilarchitekten hat das angefangen, den Wienern, die ihren irritierenden Hochzeitsturm und ihre irritierenden Wohnhäuser neben die russische Kapelle stellten, es ist weitergegangen mit der schockierenden Musik der neuen Komponisten, mit den Reden der Büchnerpreisträger, bei denen kaum gedankt und viel geschimpft wurde, mit dem abstoßenden und anstoßenden Objektemacher Beuys. Und einer von beiden, der revolutionäre Büchner oder der schlaue Datterich, steht noch immer Pate bei jeder neuen Geburt. Den Gästen macht man es schön in Darmstadt nicht nur mit Köchen in hohen Mützen, sondern auch mit harten Brocken, die man ihnen hinwirft zu hitzigem Streitgespräch. Alte Freunde treffen sich hier wieder, vertragen sich nicht mehr und vertragen sich wieder, schimpfen auf Darmstadt und haben es längst ins Herz geschlossen, weil es sie nicht ruhig macht, sondern unruhig, nicht zufrieden, sondern aufsässig, aber auf eine lebendige, weitertreibende Art.9