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BOTTICELLI Zu der Bewunderung, welche Botticelli zuteil wird, gesellt sich immer wieder ein Gefiihl der Zartlichkeit für die Anmut seiner Engel und seiner Madonnen, für die unbestimmte Wehmut, welche alle seine Gestalten umwebt. Man ist ihm dankbar für seine Kunst und möchte seiner Traurigkeit gerne Trost zusprechen. Die Schwierigkeiten, auf welche eine kritische Deutung und Würdigung seines Werkes stöBt, ahnt jedoch beinahe niemand. Botticellis GröBe wurde, bald nach seinem Tode, drei Jahrhunderte lang miBkannt, bis sie in England um 1870 durch Dante Gábriel Rossetti, Charles Algernon Swinburne, Walter Páter und Ruskin wiederentdeckt wurde. Sie fühlten die primitive und dekadente Kraft des Meisters, und Páter hat den Reiz, welchen der Maler auf jenen ganzen Kreis ausübte, deutlich beschrieben. Er spricht von dem eigenartigen Gefühl, das er seinen Gestalten, den heiligen wie den profánén, mitgab, ihnen allén, die mit so viel Grazié entworfen sind und irgendwie an Engel erinnern; die aber in ihrer Seele eine Leere und Verlassenheit zu tragen scheinen - Traurigkeit von Verbannten - und sich einer Leidenschaftlichkeit und eines Feuers bewuBt sind, gröBer als alles, was sie zur Schau tragen; und dies zieht sich mit einem Ausdruck unaussprechlicher Schwermut durch das ganze vielfáltige Werk des Meisters. Für Ruskin ist Botticelli, zusammen mit Fra Angelico, der Vertreter der christlich-romantischen Schule. Und so wurde seine ganze Kunst damals als ein Seufzer der Klage betrachtet, als eine Willkür der Phantasie gegenüber der Wirklichkeit, als die Ernanation einer kranken Seele, die ihren besten Ausdruck in der SüBe von Engeln fand. All dies findet man alsó bei Botticelli - aber nicht das alléin! Und darum war die kritische Reaktion, die zu Anfang unseres Jahrhunderts einsetzte und vor allém von Horné und Mesnil gefördert wurde, hier so förderlich. Sie beruhte auf einer zeitgenössischen Uberlieferung (1485 - 86), die in den Werken des Meisters mánnlichen Geist, ausgezeichnete Komposition und einwandfreie Proportionen fand. Und das ist nun ein ganz anderer Botticelli: mannlich und feurig, vertraut mit den Theorien der Kunst und Herr über alle Geheimnisse der Perspektive. Ein Echo dieser Tradition klingt uns bei Vasari entgegen; er sieht im H1. Augustinus den Ausdruck jenes tiefsten Denkens und geschárftester Aufmerksamkeit, denen man bei Personen begegnet, deren Geist unaufhörlich mit der Ergründung der tiefsten und schwersten Dinge befaBt ist. Diese neue kritische Richtung schlieBt sich alsó an den H1. Augustinus und an die realistischen Portrats an, um den wahren Botticelli zu entdecken, und rühmt an ihm die mánnliche Energie, das plastische Relief, die unbefangene Realistik, die moralische Kraft und den groBen, monumentalen Stil. Und dies alles ist auch in Botticelli, aber der Standpunkt ist