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VORWORT
Die Cantata profana, im September 1930 fertiggestellt, ist vielleicht die vorzüglichste und deutlichste Manifestation von Bartdks Philosophie. In dieser Hinsicht kommt dem Text der Cantata eine besondere Bedeutung zu. Die kurze Anmerkung Bartóks auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe, einem aus dem Jahr 1934 stammenden Faksimiledruck des Partiturautographs, lautet schlicht "Worte nach Volksliedertexten", was die Tatsache verbirgt, daß dieser Text seine wichtigste dichterische Arbeit ist. Er hatte im April 1914 auf einer Reise durch Siebenbürgen, die der Sammlung von Volksliedern diente, zwei Fassungen einer rumänischen Colinde aufgenommen, das ist ein Weihnachtslied mit mehreren Strophen, Die Melodien wichen voneinander ab (siehe Nr. 12/bb und 12/i in dieser Ausgabe), aber die Textewaren die gleichen, nämlich die einer Volksballade. Zwischen 1924 und 1926, als Bartók ein Buch über rumänische Weihnachtslieder schrieb (es wurde 1935 von der Universal Edition veröffentlicht; eine Neuausgabe mit den vollständigen Texten erschien 1968 bei Editio Música und B. Schotts Söhne), skizzierte er in rumänischer Sprache eine neue Fassung der Ballade, wobei er die beiden ursprünglichen Versionen miteinander verband und umdichtete. Da er beabsichtigte, für ein geplantes Vokalwerk einen ungarischen Text zu verwenden, sah er sich nach einem geeigneten Übersetzer um. Jósef Erdélyi, ein ungarischer Dichter jener Zeit, führte die Arbeit aus (sie erschien in der Januar-Ausgabe des literarischen Magazins "Nyugat"), Bartók war aber damit nicht zufrieden. Deshalb schrieb er eine neue ungarische Version des Textes selbst, ein schönes Gedicht, das er sehr liebte und sogar aufnehmen ließ, als er es im Budapester Radio las. Er hätte also wirklich "Ungarische Worte nach rumänischen Colindetexten von Béla Bartók" auf das Titelblatt setzen können.
Das Fehlen einer genauen Quellenangabe und eines Hinweises auf seine eigene Person ist in diesem Zusammenhang nichtsdestoweniger charakteristisch. In der Antwort auf einen Brief Octavian Beus, eines rumänischen Musikers, der versucht hatte, Bartók zu einem "compositorul roman" zu machen, schrieb er 1931: "Meine eigentliche Idee aber, deren ich - - seitdem ich mich als Komponist gefunden habe - - vollkommen bewußt bin, ist - - die Verbrüderung der Völker, eine Verbrüderung trotz allem Krieg und Hader. Dieser Idee versuche ich - - soweit es meine Kräfte gestatten — in meiner Musik zu dienen; deshalb entziehe ich mich keinem Einflüsse, mag er auch aus slovakischer, rumänischer, arabischer oder sonst irgendeiner Quelle entstammen. Nur muß dieQuelle rein, frisch und gesund sein!" Aus einem anderen Brief wissen wir sicher, daß Bartók 1933 die Komposition eines Kantaten-Triptychons plante, dos die Idee der Bruderschaft benachbarter Völker, der Rumänen, Slowaken und Ungarn, zum Ausdruck bringen sollte. Das einzige vollständige Stück, das aus diesem Plan hervorging, ist die Cantata profana, wohingegen es sich bei einem unvollendeten ungarischen Text, der in Bartóks Nachlaß gefunden wurde, um eine weitere Skizze zu handeln scheint. Nichtsdestoweniger sind Bedeutung und Symbolkraft auch der Cantata profana allern für Bartóks Philosophie sehr bezeichnend.