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Hier war die Luft einmal lateinisch
Darmstadt, gewissermaßen von außen und von einem einstmals, vor zwei Jahrzehnten, Zugereisten gesehen, nimmt sich etwas anders aus, als die gebürtigen Bürger der Stadt es vor Augen und im Gedächtnis haben: vor der Zerstörung im Kriege und in seiner sanften residentiellen Geschichte. Sie haben andere Aufmerksamkeit für anderes als die Passanten oder die in der Stadt wohnhaften Nicht-Darmstädter. Was für die Gebürtigen selbstverständhch ist, ist für die anderen nicht immer gleich verständlich. Man staunt über anderes. Man entzückt sich an anderem. Der Himmel ist für einen Norddeutschen wie mich hier nicht der Himmel, unter dem man gewissermaßen geboren ist. Es ist deutscher Süden in diesem Himmel. Und die Darmstädter - um dies gleich anzufügen - schreiben über sich selber auch keineswegs eirdiellig. Sie sind kritisch und beinahe gleichmütig wie Gabriele Wohmann, oder sie sind wohlwollend imd diskret enthusiasmiert wie Kasimir Edschmid es so oft war, wenn ihm hierzu Gelegenheit gegeben wurde.
Wie gesagt, ich sehe Darmstadt immer noch ein wenig »von außen her«, aus einer wenn auch längst verborgenen Distanz. Als ich hierherkam, brachte ich von der Stadt recht allgemeine Vorstellungen mit. Ich dachte an die Nähe des Limes, an eine Gegend, die - wie man geschrieben hat - hier »italienisch« zu werden beginne. Das war vor zweihundert Jahren, aber der kleine, versteckte Süden ist tatsächlich sichtbar. Ich dachte an das Blütenbukett der nahen Bergstraße, an die ebenso nahe Nibelungen- und Sagenwelt zwischen Siegfriedquelle im Odenwald und Worms, dachte an den Weinbau. Aber was wußte ich damit eigentlich von Darmstadt? Es waren ebenso bequeme wie ungenaue Vorstellungen, die ich von einem Ort habe, den ich als Passant zuvor mehrfach kennenlernte.
Dieses Gemeinwesen, so einzigartig zwischen dem Norden und dem Süden gelegen - dessen Bürger ich nun schon zwanzig Jahre lang bin -, hatte gleichwohl etwas eher Unauffälliges als Attraktives, eine Unauffälligkeit, die nicht eiimial erwartet, daß man sich um sie bemühe. Das ist wohl ein Kennzeichen der ganzen Landschaft zwischen Rhein, Main, Neckar mit ihren vermittehiden Merkmalen, dem, was an ihren Bewohnern verbindend und verbindhch ist. Es ist eine Landschaft, und es ist eine Stadt, die sich gleichsam nicht anstrengen müssen, um ihre verschwiegene Wirkung auszustrahlen. Nichts eigentlich sticht an ihnen hervor. Schloß Wolfsgarten, bei Langen, auf halbem Wege zwischen Frankfurt und Darmstadt, ist im Walde versteckt. Dies wird so bleiben. Die Residenz von einst hat sich auf diesem halben Weg irmiitten der Landschaft, an der Seitenstraße geradezu, verloren, um in sich um so stärker zu ruhen, um sich festzuhalten an der kleinen Vergangenheit.
Darmstadt hat - wie seine Menschen - eine gewisse Legerität und die Lebhaftigkeit solcher angenehmen Eigenschaft, die sie seit langem übernahm. Der Charakterzug der Unauffälhgkeit, von der ich sprach und die nichts mit Beiläufigkeit zu tun hat, mit jener Monotonie, die hinter jeder Beiläufigkeit steckt, zeichnet sich einer Stadt von entschiedener und ruhiger Klarheit ein. Dieser unmerklich lateinische Geist, der mich berührte und der mich faszinierte, diese sichere Kühle, die nicht Unnahbarkeit ist, vielmehr verfeinert leidenschafthches Leben, bestätigte die Ahnungen der Reisenden früherer Tage, die in ihren Äußerungen im Darmstädtischen den Süden und mit ihm die Erfüllung ihrer Sehnsucht beginnen ließen, die Generation des jungen Goethe und seiner Darmstädter Gesellen und Freunde hier durchaus eingeschlossen.