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VorwortDie Ballade erlebt eine Renaissance. Dichter unserer Tage besinnen sich auf die bewährten Stilmittel vergangener Jahrhunderte, und sie fesseln mit Balladen, Protestsongs und Moritaten das Volk. Um Ursprung und Entwicklung dieser Dichtkunst darzustellen, entstand dieses Buch: Eine Anthologie neuen Stils mit Gelegenheit zur vergleichenden Betrachtung, nicht beschränkt allein auf die Auswahl ly-risch-epischer Gedichte düsterer Grundhaltung, phantastisch, mysteriös und heroisch, die typisch zu sein scheinen für die Balladenliteratur schlechthin - tatsächlich aber nur typisch sind für eine Epoche, für einen bestimmten Stil.Die Ballade ist lebendig und wandlungsfähig. Sie kommt aus der Vorzeit schriftloser Überlieferung, wurde auf Jahrmärkten fürs Volk und in Schlössern für Fürsten gesungen. Sie hielt sich über Jahrhunderte hinweg bis in die heutige Zeit hinein, weil sie die Vielfalt menschlicher Grunderlebnisse und Probleme schilderte, immer aktuell blieb, immer am Puls der Zeit, ohne die Urform zu verlassen. Deshalb enthält dieses Buch über 400 Beispiele balladesker Literatur gleichsam ohne Klassenunterschiede: So gut wie alle bekannten, als typisch empfundenen Balladen, darüber hinaus aber auch die Werke moderner und unbekannter Dichter und die unbekannten Werke bekannter Dichter: Schillers Kindsmörderin etwa oder Ritter Curds Brautfahrt von Goethe, zwei Balladen, die bisher fast nie veröffentlicht wurden.In diesem Buch sind die Balladen nicht entsprechend der Tradition bisheriger Anthologien unter den Namen der nach Lebzeiten geordneten Dichter aneinandergereiht, sondern nach thematischen Gruppen. Dadurch ergeben sich von Werk zu Werk mitunter Sprünge über Jahrhunderte hin-weg. Die dabei herausgeforderten Stilbrüche sind erwünscht, weil sie zu Entdeckungen und Vergleichen führen: Sie machen beispielsweise deutlich, wie stark die Volksballade über Danhauser später Heinrich Heines Tannhäuser-Ballade beeinflußt hat oder wie König Ludwig I. von Bayern in einer Ballade auf das ursprünglich vom Volksmund besungene, mit der Geschichte seines Hauses unrühmlich verbundene Schicksal der Agnes Bernauer einging. Sie zeigen, wie vielfältig das Thema Kindsmörderin bewältigt wurde: Von einem unbekannten Volksballaden-Dichter, von Schiller, Bürger, Solitaire und Brecht. Am Thema Lorelei läßt sich die Entwicklung der Ballade von verträumter Romantik bis in unsere Tage hinein nachvollziehen. Das soziale Engagement von Heinrich Heine, Chamisso, Christian Morgenstern, Ringelnatz und Zuckmayer wird vergleichbar, wenn einige ihrer Balladen unter dem Stichwort Armut und Elend zusammengefaßt sind. Dirnen-Probleme, ein Kapitel für sich, beschäftigten Goethe, Brentano, Heine und Hacks gleichermaßen - nur bedienten sie sich unterschiedlicher Stilmittel.Uber den Stil der Ballade hat Goethe einmal geschrieben: Es gibt nur drei Urformen der Poesie: die klar erzählende, die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos, Lyrik, Drama In dem kleinsten Gedicht findet man sie oft beisammen, und sie bringen eben durch diese Vereinigung im engsten Raum das herrlichste Gebilde hervor, das wir an den schätzenswerten Balladen gewahr werden. Übrigens, schreibt er an anderer Stelle, ließe sich an einer Auswahl solcher Gedichte die ganze Poetik gar wohl vortragen, weil hier die Elemente noch nicht getrennt, sondern, wie in einem lebendigen Ur-Ei, zusammen sind .