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Friedrich Hebbel - Der ewige Brunnen [antikvár]
 
GEDICHT UND LEBEN Im Jaire 1808 ließ die bayerische Regierung durch den Zentral-Schulrat Friedrich Immanuel Niethammer bei Goethe anfragen, ob er bereit sei, eine Sammlung von Gedichten zusammenzustellen, welche das ,,natürlichste gemeinschaftliche Bildungsmittel" der Nation werden könne; es solle für die Deutschen sein, was Homer für die Griechen war. Goethe antwortete, diesen Plan hege er schon lange; Niethammer möge ihn vertraulich behandeln, damit niemand ihm zuvorkomme; er solle aber schon jetzt Sorge tragen, daß in allen...
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GEDICHT UND LEBEN Im Jaire 1808 ließ die bayerische Regierung durch den Zentral-Schulrat Friedrich Immanuel Niethammer bei Goethe anfragen, ob er bereit sei, eine Sammlung von Gedichten zusammenzustellen, welche das ,,natürlichste gemeinschaftliche Bildungsmittel" der Nation werden könne; es solle für die Deutschen sein, was Homer für die Griechen war. Goethe antwortete, diesen Plan hege er schon lange; Niethammer möge ihn vertraulich behandeln, damit niemand ihm zuvorkomme; er solle aber schon jetzt Sorge tragen, daß in allen Bundesstaaten, auch in den österreichischen Erblanden, kein Nachdruck stattfinden dürfe. Und dann legt er seine Gedanken zu dieser Sammlung dar: Ein Volksbuch müsse den Charakter ansprechen, nicht den Geschmack. Auf den Charakter wirke der Gehalt, nicht die Form. Die Sammlung müsse ein ,,Unteres" enthalten, das befriedige und anlocke, ein ,,Mittleres", das allmählich aufgenommen werden könne, und ein ,,Oberstes", an dem die Menschen ihre ,,Ahndungsfähigkeit" üben könnten. Das Buch müsse nach ,,Rubriken" geordnet sein wie Vaterland, Familie, Liebe, Unsterblichkeit, und es müsse schlechthin alles enthalten: Legenden und Fabeln, Begebenheiten und Spottgedichte, naive Scherze und derbe Spässe, Geistreiches und Gefälliges, Oden an Gott und Lieder der Studenten, Terzinen und Knittelverse, kurzum es müsse „durch Masse imponieren". Goethe hat sich mit diesem Plan lange beschäftigt, aber er hat ihn nie verwirklicht. Auch später ist eine Sammlung von solcher Breite, wie sie Goethe vorschwebte, nicht angelegt worden. Die Lücke ist verblieben, und sie ist schmerzlich. Denn der Mensch bedarf des Verses, wie er des Waldes und des Weines bedarf. Eingezwängt in das zweckvolle Gehäuse der Alltagsarbeit, die ihn erregt und ermattet, aber nicht erfüllt und beglückt, strebt er zu anderen Ufern, zu denen ihn nur Kräfte tragen können, die ihn in der Tiefe seines Wesens erfassen. Solcher Kräfte gibt es viele, und eine von ihnen ist das Gedicht. Dem geistigen Kern unserer Epoche eher verschwistert als Glaube oder Natur, vermag es auch zu denen zu sprechen, die religiös unmusikalisch sind oder die Stimme des Waldes nicht mehr vernehmen, und es spricht in einer Sprache, wie sie sonst nur aus unserer lünderzeit herübertönt. Der Mensch unserer Tage ist oft der Belehrung so müde wie der Zerstreuung. Was er ersehnt, sind Wege zu tieferen Daseinsformen, Wege, die aus der Bedrängnis des Alltags herausführen, die den Blick freigeben auf unbekannte, auf schönere Reiche. VII J

Termékadatok

Cím: Der ewige Brunnen [antikvár]
Szerző: Friedrich Hebbel , Ina Seidel Max Kommerell
Kiadó: Verlag C. H. Beck
Kötés: Vászon
Méret: 130 mm x 230 mm
Friedrich Hebbel művei
Ina Seidel művei
Max Kommerell művei
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